Wandern ist der Volkssport der Schweizerinnen und Schweizer. Instagram und Co. haben den Alpstein, namentlich den Seealpsee und das Berggasthaus Aescher, einem noch breiteren Publikum schmackhaft gemacht. Alle sehnen sich nach Bergidylle und unberührter Natur. Ein Gespräch mit «Berg und Beiz»-Redaktorin Jolanda Riedener über Vor- und Nachteile des Tourismus und der vielen Besucher, das Verraten von Geheimtipps und bleibende Begegnungen im Alpstein.
Jolanda Riedener: Ich war kürzlich wieder einmal beim Besucherhotspot «Aescher». Fast alle, die ich getroffen habe, waren mit guten Schuhen und Wanderausrüstung unterwegs, ich habe keine Turnschuh- oder Flipflop-Touristen gesehen. Patrick, du bist viel im Alpstein unterwegs. Was für Leute triffst du an?
Patrick Stämpfli: Ich treffe tatsächlich unterdessen wenig Leute, die schlechte Schuhe tragen. Wenn, dann sind es eher Jüngere mit Turnschuhen. Ich habe aber auch schon das Gegenteil erlebt: Leute, die ausgerüstet waren wie für den Mount Everest, dabei wollten sie nur zum «Schäfler». Das sind dann die Übermotivierten. Ich sage immer: Gute Ausrüstung ist wichtig, aber man muss auch wissen, wie man damit umgeht.

Jolanda: Genau. Die Ausrüstung ist das eine. Das andere die Fähigkeiten: Es ist ein Unterschied, ob man in der Stadt 10’000 Schritte pro Tag auf geteerten Strassen spaziert oder auf einem Bergweg wandert. Auch sonst hast du bestimmt schon einiges gesehen und erlebt?
Patrick: Auf dem Schrennenweg ist mir im Frühling einmal ein Skyrunner begegnet. Er hatte ein total verschlagenes Knie und eine Schramme im Gesicht. Er fragte mich, wie weit es noch zum Rotsteinpass ist. Ich sagte ihm, dass das wohl keine gute Idee ist, weil es dort noch Schnee hat. Er liess sich nicht beeindrucken.
Jolanda: Ich finde es gut, dass du die Leute so direkt ansprichst.
Patrick: Ja, ich wurde deswegen aber auch schon blöd angemacht. Aber ich finde, wir sollten aufeinander schauen.

Jolanda: Vor ein paar Jahren habe ich an dieser Stelle von der Meglisalp her kommend jemanden getroffen, der enorme Höhenangst hatte. Da habe ich mich gefragt, wie er überhaupt hierhin gekommen ist.
Patrick: Schwierig. Wenn es gar nicht mehr geht, hilft vermutlich nur noch die Rega. Wer an Höhenangst leidet, sollte sich vielleicht besser auf Wanderungen in flacheren Gefilden konzentrieren.
Jolanda: Zurück zum Berggasthaus Aescher. Der Ort erlebte vor knapp zehn Jahren einen Hype, der mittlerweile abgeflacht ist. Der Aescher ist meiner Meinung nach nach wie vor ein Touristenmagnet. Zu bestimmten Zeiten findet man aber auch dort ruhige Momente.
Patrick: Das stimmt. Die baulichen Verbesserungen der Infrastruktur haben sicher dazu beigetragen, dass die Gästemassen heute besser gemanagt werden können. Aber der Platz dort ist halt einfach beschränkt, das Beizli ist klein. So voll wie auch schon ist es auf dem Aescher aber nicht mehr. Früher hatte man ja das Gefühl, die Leute stehen dort permanent an. In der Regel bin ich aber ohnehin eher auf anderen Wanderwegen unterwegs, die mich mehr fordern.

Jolanda: Ein Problem von Massentourismus, den wir so im Alpstein zwar nicht oder nur punktuell wahrnehmen, ist die Natur, die leidet. Zum Beispiel, wenn Alpweiden durch Zelte und Lagerfeuer beansprucht werden oder Abfall liegen gelassen wird.
Patrick: Ein beliebtes Sujet in sozialen Medien ist der Ausblick vom Zelt auf der Kuppe vor den Kreuzbergen. Man darf dort, wie auch an anderen Orten im Alpstein, während der Alpzeit übernachten, wenn man die Alpwirte fragt. Aber Hand aufs Herz: Wie viele machen das wirklich?
Jolanda: Vermutlich die wenigsten. Ich finde das problematisch. Auch wenn man den Abfall mitnimmt – das machen die meisten –, bleibt zertretenes, zum Teil verbranntes Gras und das, was zurückbleibt, wenn kein WC in der Nähe ist.
Patrick: Das stimmt. Und es geht auch um die Sicherheit. Da sollte man besser nicht schlafwandeln. Aber ganz generell: Das zeigt diesen Clinch, in dem sich der Alpstein und seine Akteure befinden. Die Leute leben vom Tourismus und wollen, dass sie kommen. Vor ein paar Wochen habe ich in Wasserauen zum ersten Mal einen grossen Reisecar mit asiatischen Touristen gesehen. Die haben sich dann mit ihren Stadtklamotten das steile Fahrsträsschen Richtung Seealpsee hochgequält.

Jolanda: Dass Wandern so populär ist, hat aber auch positive Effekte. Ich finde es grundsätzlich schön, wenn die Leute in die Berge gehen und die Natur schätzen. Wir haben diese tolle Landschaft direkt vor der Haustür. Ist doch super, wenn das auch andere entdecken. Deshalb gebe ich auch gerne Tipps, auch mal «Geheimtipps».
Patrick: Ich störe mich etwas an diesem Wort «geheim» – sobald man den Tipp verrät, ist er ja nicht mehr geheim. Und diese abgelegenen, einsamen Orte gibt es in Tourismusregionen sowieso nicht mehr. Klar, wir, die viel unterwegs sind oder uns beruflich damit befassen, kennen Orte, die andere vielleicht nicht kennen. Aber sollte ich mal an so ein wirklich unberührtes Seeli kommen, weitab vom Schuss, werde ich es jedenfalls nicht verraten. 😅
Jolanda: Und alle finden wieder etwas anderes schön. Das ist das Gute daran: Man findet seinen persönlichen Lieblingsort. Und dann gibt es auch Tipps, wann man die am besten besucht …
Patrick: Unter der Woche, wenn keine Ferien sind, dann ist weniger los. Und je höher man geht, desto ruhiger wird es. Die Wanderer verteilen sich dann auf den Wegen. Grundsätzlich gilt auch: Je einfacher ein Weg, desto mehr Leute zieht er an.

Jolanda: Viele haben halt dieses romantische Bild vom Wandern, man möchte möglichst allein in der Natur sein. Das führt zu einer gewissen Erwartungshaltung.
Patrick: Absolut, auf Instagram sieht man nie grosse Menschentrauben. Dort geht es stark um den Touch von unberührter Natur und hat meist wenig mit der Realität zu tun.
Über Jolanda Riedener
Als Redaktorin von «Berg und Beiz», dem Freizeitportal des «Tagblatts», kann die 36-Jährige Hobby und Job vereinen. Die St.Gallerin ist gerne im Alpstein, aber auch im Toggenburg oder in den Bündner Alpen auf Wanderungen und Spaziergängen unterwegs.
Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Portal «Berg und Beiz» und wurde von Jolanda Riedener verfasst

