Alexandra Piazza, Gründerin der Webseite «Berglust statt Bergfrust», hat Höhenangst. Dennoch lässt sie sich nicht davon abhalten, in die Berge zu gehen. Im Interview erklärt sie unter anderem, wie sie mit ihrem Angebot anderen Menschen helfen möchte, ihre Ängste zu bewältigen und die Freude an der Natur wiederzufinden.

Bergwelt: Studien zufolge sind fast 30 Prozent der Menschen anfällig für Höhenangst. Dazu gehörst auch du. Kannst du das Gefühl der Höhenangst beschreiben?
Alexandra: Wenn ich mit meiner Höhenangst konfrontiert werde, schaltet mein Körper sofort in den Alarmmodus. Mein Herz beginnt heftig zu rasen, als ob es aus meiner Brust springen möchte. Gleichzeitig fühle ich mich benommen und verliere das Gefühl, die Kontrolle zu behalten. Es ist, als ob mein Körper vor etwas Unsichtbarem fliehen will. Besonders beängstigend ist das überwältigende Gefühl, den Verstand zu verlieren, als ob die Angst mich völlig übermannt und ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Hilflosigkeit pur.

Trotz dieser intensiven Angst bist du in den Bergen unterwegs. Was hat dich dazu bewogen, dich deiner Angst zu stellen?
Nach meiner Psychotherapie und Hypnose habe ich grosse Fortschritte gemacht und gelernt, meine Höhenangst zu akzeptieren. Doch nach einem halben Jahr kehrte sie mit voller Wucht zurück. Mir wurde klar, dass ich zu den 15 Prozent der Betroffenen gehöre, die Rückfälle erleben. Die Frustration war enorm. Mein Mann und ich entschieden, stattdessen nach Touren zu suchen, die für Menschen mit Höhenangst geeignet sind. Dies war ein Wendepunkt: Ich fand den Mut, trotz meiner Höhenangst in die Berge zu gehen und zu wandern.

Du hast die Webseite «Berglust statt Bergfrust» ins Leben gerufen. Was war der Auslöser für diese Idee?
Als wir nach Wanderungen für Menschen mit Höhenangst suchten, stellten wir fest, dass es kaum Informationen gibt. Zwar gibt es die SAC-Wanderskala, die sich jedoch hauptsächlich auf technische Schwierigkeiten und Kondition konzentriert und weniger auf die psychologischen Herausforderungen von Höhenängstlichen eingeht. Ich sah die Notwendigkeit, eine Plattform zu schaffen, die spezifisch auf diese Bedürfnisse eingeht.

Wie wählst du die Wanderwege aus, die du auf deiner Webseite empfiehlst?
Ich nutze die Swisstopo-App, um die Routen im Detail zu analysieren. Besonders wichtig sind dabei die Wegbeschaffenheit und die Hangneigung. Höhenwege oder Panoramastrecken können auch bei breiten Wegen problematisch sein. Kritische Stellen markiere ich bereits im Vorfeld. Es ist zudem hilfreich, vorab Videos auf YouTube zu schauen, um sich einen visuellen Eindruck zu verschaffen. Der wichtigste Punkt bei der Auswahl ist jedoch, sicherzustellen, dass keine exponierten oder stark abfallenden Hänge vorhanden sind.

Auf «Berglust statt Bergfrust» bietest du auch geführte Wanderungen an. Wie gestaltest du diese Touren, um Menschen mit Höhenangst zu unterstützen?
Unsere geführten Touren zeigen, dass man die Bergwelt auch mit Höhenangst geniessen kann – ohne Zeitdruck und ohne das Bedürfnis, grosse Höhenmeter zu überwinden. Unsere Wanderungen sind frei von Absturzgefahren und besonders geeignet für Anfänger, Menschen, die in gemächlichem Tempo die Natur erleben wollen, oder solche, die sich in sportlichen Gruppen unwohl fühlen würden. Wir legen Wert darauf, das richtige Kartenlesen zu vermitteln, Übungen für die Trittsicherheit anzubieten und Atemtechniken zu zeigen, die in Momenten der Panik helfen können.

Welche Reaktionen erhältst du von den Teilnehmern deiner Wanderungen?
Die Rückmeldungen sind oft sehr emotional. Viele Teilnehmer sind dankbar und überwältigt von der Freude, die sie empfinden, wenn sie trotz ihrer Ängste wandern können. Es gibt immer wieder bewegende Momente, in denen Tränen der Erleichterung und des Glücks fliessen. Diese positiven Erlebnisse bestätigen uns, dass es solche Angebote braucht – auch wenn Menschen mit Höhenangst in der Minderheit sind.

Welchen Rat würdest du jemandem geben, der seine erste Wanderung trotz Höhenangst plant? 
Wähle eine passende Route ohne exponierte Stellen oder steile Abhänge. Beginne mit wenigen Höhenmetern und steigere dich langsam. Nimm einen vertrauten Wanderpartner mit und lege genügend Pausen ein. Feier kleine Erfolge, um Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten aufzubauen. Wichtig ist eine sorgfältige Vorbereitung und realistische Selbsteinschätzung. Wenn die Angst zu gross wird, ist Umkehren keine Schwäche, sondern eine Stärke.

Wie hat sich deine Beziehung zu den Bergen verändert, seit du dich intensiv mit deiner Höhenangst auseinandergesetzt hast?
Früher waren die Berge für mich ein Ort der Furcht. Doch je mehr ich mich mit meiner Angst auseinandergesetzt habe, desto mehr habe ich gelernt, die Berge auf eine neue Weise zu erleben. Heute sehe ich die Berge nicht nur als Herausforderung, sondern als einen Ort der Ruhe und persönlichen Weiterentwicklung. Ich habe gelernt, die kleinen Fortschritte zu schätzen und nicht ständig den Vergleich mit anderen zu suchen. Jetzt sind die Berge für mich ein Symbol dafür, wie man durch bewusste Auseinandersetzung mit seinen Ängsten inneres Wachstum und tiefere Freude finden kann.

Weitere Informationen: berglust-statt-bergfrust.ch


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