Zermatt, Pontresina, Grindelwald und andere Schweizer Bergorte stehen unter Druck. Der stetig zunehmende Tourismus bringt zwar Wertschöpfung, aber auch Konflikte. Erste Gemeinden reagieren bereits und haben Tourismus-Projekte im Kampf gegen den «Overtourism» versenkt.
Der Begriff «Overtourism» kursiert seit rund zehn Jahren in der öffentlichen Debatte. Während «Massentourismus» die Reise grosser Personenzahlen zu stark frequentierten Destinationen mit häufig standardisierten Angeboten beschreibt, bezeichnet «Overtourism» eine Entwicklung, bei der der Tourismus ein Ausmass annimmt, das sowohl die Lebensqualität der lokalen Bevölkerung als auch das Erlebnis der Gäste merklich beeinträchtigt.
Wenn zu viele kommen
Laut einer Analyse von watson, basierend auf Zahlen des Bundes, sind es in der Schweiz vor allem die Bergregionen, die besonders stark vom Overtourism betroffen sind. Zermatt beispielsweise hatte 2024 über 1,6 Millionen Übernachtungen, bei nur 6000 Einwohnern. Das entspricht 269 Logiernächten pro Kopf. Zum Vergleich: In Paris waren es 20, in Barcelona nur 7.
Die Infrastruktur vieler Orte ist damit schlicht überfordert. Abwasser, Müll, Parkplätze, öffentlicher Verkehr oder Bergbahnen sind nie für solche Touristenmassen gebaut worden. Dennoch wächst der Besucherandrang weiter. Die Gemeinden investieren viel Geld, oft nur für wenige Wochen Hochsaison.
Grindelwald sagt nein
Besonders deutlich zeigt sich das in Grindelwald mit 210 Logiernächten pro Einwohner. Hier hat die Gemeinde im Herbst 2025 ein grosses Hotelprojekt vorläufig gestoppt. 200 neue Betten hätte es gebracht. Doch der Gemeinderat wollte nicht mehr. Die Belastung sei zu hoch, sagte Gemeindepräsident Beat Bucher. Man müsse jetzt die Kapazitätsgrenzen im Blick behalten. Ein Satz, der viel aussagt. Nicht gegen den Tourismus, sondern für eine Zukunft, die noch tragfähig sein soll.

Auch der für 100 Millionen Franken geplante Ersatzneubau der Firstbahn sorgt in Grindelwald für Kritik. Neben der befürchteten Mehrbelastung durch Touristen wird auch die Trassenführung kritisiert. Für 2027 ist eine Volksabstimmung zu diesem Thema geplant.
Bereits 2019 wurde das Projekt «Dream Peak» / Skywalk auf dem Klein Matterhorn im Wallis gestoppt. Das Projekt sollte den Gipfelbereich auf rund 3800 m stärker touristisch erschliessen. Landschaftsschützer kritisierten eine zunehmende «Disneylandisierung» der Hochalpen. Nach massivem Widerstand und Beschwerden wurde das Vorhaben letztlich aufgegeben.
Tourismus frisst Lebensraum
Was als Wertschöpfung beginnt, wird schnell zur Belastung. Keine Frage: Der Tourismus bringt Arbeitsplätze, sichert Einkommen und ist in vielen Bergregionen ein zentraler Wirtschaftsfaktor. Ohne ihn würden zahlreiche Betriebe nicht überleben. Doch das Wachstum hat Nebenwirkungen. Ferienwohnungen und Airbnb-Angebote treiben die Preise. Einheimische, Saisonkräfte und junge Familien finden kaum mehr Wohnraum. Dazu kommen Stau, Lärm, volle Läden. Die Lebensqualität sinkt. Und mit ihr die Akzeptanz gegenüber den Gästen – auf die man eigentlich angewiesen ist.
Eine weitere Folge (zu) vieler Touristen: Wanderwege, die permanent überfüllt sind und kaum mehr regenerieren können, Erosion, Trittschäden auf Weiden, Müll an Aussichtspunkten. Schutzgebiete werden zu Freilichtkulissen, Wildtiere verlieren Rückzugsräume. Das ist kein Naturerlebnis mehr, sondern Verschleiss, der vielfach nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.

Um den Folgen des Besucheransturms entgegenzuwirken, greifen einzelne Orte inzwischen zu konkreten Massnahmen. In Iseltwald am Brienzersee wurde der kleine Bootssteg nach einer Szene der Netflix-Serie «Crash Landing on You» zu einem internationalen Fotospot. Täglich reisten zahlreiche Reisegruppen an. Im Frühjahr 2023 führte die Gemeinde deshalb eine Gebühr für den Zugang zum Steg ein, um die Besucherströme besser zu steuern.
Ähnliche Probleme zeigen sich beim Oeschinensee oberhalb von Kandersteg. An schönen Sommertagen stossen Parkplätze und Infrastruktur rund um den beliebten Bergsee regelmässig an ihre Grenzen. Ende 2021 reagierten die Verantwortlichen unter anderem mit einem Reservationssystem für Parkplätze und weiteren Massnahmen zur Besucherlenkung.
Auch am Caumasee bei Flims zeigt sich diese Entwicklung. Der türkisfarbene Bergsee entwickelte sich in den letzten Jahren zu einem stark frequentierten Ausflugsziel. An Spitzentagen stösst die Infrastruktur auch hier an ihre Grenzen. Die Betreiber reagierten mit Eintrittsgebühren und einer Begrenzung der Besucherzahlen.
Der eigene Zwiespalt
Wenn ich mit Leuten über dieses Thema diskutiere, kommt oft der Vorwurf, dass ich als Blogger mit meinen Tourenberichten und Fotos auf Social Media ebenso zu dieser Problematik beitrage. Dessen bin ich mir bewusst, auch wenn ich im Vergleich zu Tourismusorganisationen und internationalen Influencern ein sehr kleiner Fisch in diesem Teich bin.
Ich setze deshalb nicht auf Verzicht, sondern auf einen bewussten Umgang mit dem, was ich zeige und weitergebe. So poste ich beispielsweise keine Fotos von unberührten Orten, die noch nicht touristisch erschlossen sind. Und wenn doch einmal, dann ohne Ortsangabe. Zudem versuche ich mit Blogbeiträgen wie diesem regelmässig auf die Problematik aufmerksam zu machen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen.
Kein Naturgesetz
Tourismus ist kein Naturgesetz, sondern ein Geschäftsmodell. Und jedes Geschäftsmodell kennt eine Grenze, jenseits derer es sich selbst schadet. Wer die Berge bis an ihre Belastungsgrenze vermarktet, zerstört am Ende genau das, wovon er lebt. Entscheidend ist deshalb nicht, was machbar ist, sondern was langfristig tragfähig bleibt. Für die Orte, für die Natur und für die Menschen, die dort leben.
Wie stehst du zum Thema «Overtourism» in den Bergregionen? Schreib es in die Kommentare!

