Es gibt Bergmomente, die bleiben – nicht, weil sie auf einem Foto festgehalten wurden, sondern weil sie uns tief berühren. Manche Erlebnisse vergisst man nie, auch wenn es kein Bild davon gibt.
Viele Eindrücke halte ich fotografisch fest, um sie mit anderen zu teilen. Denn manche Anblicke verdienen es einfach, für die Ewigkeit eingefangen zu werden. So wie der Blick von Sassal Mason ins Puschlav während einer Weitwanderung im Sommer 2023. Der Gletscher, die Wolkenformation, das Licht, der kleine See und die schroffen Gipfel – ein Moment, der uns sprachlos machte. Das Foto, das ich dort gemacht habe, erinnert mich noch heute an diese beeindruckende Szene.

Doch nicht alle Bergmomente lassen sich in Bildern einfangen. Manchmal sind es unscheinbare Augenblicke, die sich umso tiefer ins Gedächtnis brennen – gerade, weil es kein Foto davon gibt.
Ein Herbsttag im Alpstein – Stille, die unter die Haut ging
Im Oktober 2019 war ich auf einer Tour von Brülisau über die Marwees und den Widderalpsattel zur Meglisalp unterwegs. Die Saison neigte sich dem Ende zu, Ferienzeit war keine mehr, und so war ich an diesem Tag fast alleine im Alpstein unterwegs. Lediglich einem Skyrunner begegnete ich während des Abstiegs von der Marwees.
An dessen Ende hielt ich plötzlich inne. Ich stand auf einem Felsvorsprung mit freiem Blick auf ein herbstliches Panorama, das mich vollkommen in seinen Bann zog – und das, obschon ich es ja eigentlich in- und auswendig kenne. Der Säntis thronte in der Ferne, die Meglisalp lag friedlich im Tal, dahinter die markanten Altenalptürme und die sanften Hügel der Ebenalp. Und es war vollkommen still.
Keine Kuhglocken, kein Windhauch, keine Vogelstimmen – nur Stille. Eine Stille, die so tief und eindrücklich war, dass sie mich regelrecht fesselte. Ich weiss nicht, wie lange ich dort stand, völlig versunken in diesen Augenblick. Und genau deshalb gibt es kein Foto davon.
Irgendwann «erwachte» ich wieder, nahm den Weg zur Meglisalp unter die Füsse – und stellte dort fest, dass die Wirtsleute ihre Saison einen Tag früher beendet hatten. Mein Plan, mich mit einer Portion Chäsmagronen in die Winterpause zu verabschieden, fiel ins Wasser. Stattdessen blieb mir nur mein Notproviant aus dem Rucksack. Und doch blieb dieser Moment – nicht wegen des Essens, sondern wegen der einzigartigen Atmosphäre, die ich dort oben erleben durfte.
Mittagspause im Engadin – Einfache Genüsse, die bleiben
Ein weiteres solches Erlebnis hatte ich im Sommer 2023, zusammen mit meiner Partnerin Celina auf einer mehrtägigen Wanderung im Engadin. Ich weiss nicht mehr genau, wo es war – irgendwo zwischen Cinous-chel und Zernez –, aber ich erinnere mich an jedes Detail unseres Rastplatzes: eine Wiese an einem Waldrand, es war angenehm kühl und wir hatten einen grossartigen Blick auf die Berge.
Es war ein ausgesprochen heisser Sommertag und wir hatten von den Tagen zuvor schon einige Kilometer und Höhenmeter in den Beinen, doch in diesem Moment war einfach alles perfekt: die Stille, die frische Bergluft und das einfache Essen – Käse, etwas Bündnerfleisch, frisches Brot aus einer lokalen Bäckerei, hartgekochte Eier und zum Dessert ein Stück Engadiner Nusstorte. Alles schmeckte auch irgendwie besser als sonst, weil der Moment einfach passte.
Warum bleiben solche Bergmomente im Gedächtnis?
Nicht alle Erlebnisse speichern wir gleich intensiv. Besonders eindrückliche Erinnerungen – wie die absolute Stille auf einem Berggrat oder ein unerwartet perfekter Moment in der Natur – verankern sich tiefer im Gedächtnis, weil sie starke Emotionen auslösen. Die Psychologie spricht dabei von episodischem Gedächtnis: Wir erinnern uns nicht nur an das Ereignis selbst, sondern auch an die damit verbundenen Gefühle, Sinneseindrücke und sogar an den eigenen Zustand in diesem Moment.
Ein weiterer Faktor ist die sogenannte Tiefe der Verarbeitung. Erlebnisse, die bewusst wahrgenommen und reflektiert werden, speichern wir nachhaltiger als beiläufige Eindrücke. Wenn wir ohne Kamera unterwegs sind, konzentrieren wir uns stärker auf das Hier und Jetzt. Dadurch entstehen lebendige, detailreiche Erinnerungen, die sich oft noch nach Jahren abrufen lassen – mit all ihren Farben, Gerüchen und Emotionen.
Gerade in den Bergen, wo die Natur oft überwältigend ist, verstärken sich diese Effekte. Die Kombination aus körperlicher Aktivität, Weite und Stille lässt unser Gehirn solche Momente intensiver abspeichern. Deshalb können sich einfache Augenblicke – wie eine unerwartete Rast mit Blick auf die Berge oder ein stiller Moment am Gipfel – genauso tief einprägen wie spektakuläre Erlebnisse.
Die besten Erinnerungen brauchen keine Kamera
Fotos sind wunderbar, um Erlebnisse festzuhalten und mit anderen zu teilen. Doch die wirklich magischen Momente sind jene, die nur im Kopf existieren – weil sie nicht nur ein Bild sind, sondern ein Gefühl, eine Stimmung, ein Stück Bergwelt – wie die Stille eines Herbsttages im Alpstein oder eine einfache Mittagsrast im Engadin. Solche Erinnerungen verblassen nicht, auch wenn sie nirgendwo hochgeladen werden. Sie bleiben – ganz ohne Instagram & Co.
Welche Bergmomente sind dir besonders in Erinnerung geblieben? Schreib es in die Kommentare oder erzähl deine Geschichte!


Sali Patrik. Herrlich ist Deine Website. Sehr motivierend und auch inspirierend! Der neuste Newsletter hat mich wieder sehr berührt – was eigentlich wichtig wäre, nebst vielen Fotos, Klicks etc. etc. Genau solche Erlebnisse trägt man dann tief im Herzen und sie bleiben da auch.
Deine Tourenbeschriebe, die atemberaubenden Bilder dazu – einfach wunderbar unsere Bergwelt, gell. Genial, dass Du Deine Erlebnisse auf diese Weise einem breiten Publikum auf diese Weise mitteilen kannst. Dein herrliches Alpsteinbuch habe ich mir auch besorgt und werde damit noch mehr Touren vor meiner Haustüre geniessen.
Liebe Vreni
Deine Worte freuen mich riesig – herzlichen Dank! Genau darum geht es mir: die Magie der Berge nicht nur in Bildern festzuhalten, sondern auch die Momente, die tief im Herzen bleiben, mit anderen zu teilen. Schön zu hören, dass dich der aktuelle Blogbeitrag berührt hat – das ist für mich das beste Kompliment! 😊
Es ist einfach genial, wie viele unvergessliche Erlebnisse unsere Bergwelt bereithält, und wenn ich dich mit meinen Tourenberichten und Bildern motivieren kann, noch mehr davon zu entdecken, dann macht das alles umso mehr Freude. Und dass du mein Alpsteinbuch hast – grossartig! Da wartet bestimmt noch die eine oder andere neue Inspiration für deine nächsten Touren vor der Haustüre.
Viel Spass und schöne Bergmomente – mit oder ohne Foto! 😉
Patrick