Zuletzt aktualisiert am 15. Juni 2025 |

Am 28. Mai 2025 kam es im Wallis zum bislang jüngsten grossen Bergsturz in der Schweiz: Am Kleinen Nesthorn oberhalb von Blatten im Lötschental lösten sich rund 3,5 Millionen Kubikmeter Fels. Eine Lawine aus Eis, Geröll und Schlamm verschüttete grosse Teile des Dorfs. Das Alpenland Schweiz ist immer wieder von Naturgefahren wie Fels- und Bergstürzen betroffen. In diesem Blogbeitrag erfährst du mehr über die bedeutendsten Bergstürze und ihre Schauplätze.

Bergstürze sind komplexe geodynamische Ereignisse, die durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden können. Dazu gehören tektonische Aktivitäten und klimatische Bedingungen wie beispielsweise fehlender Gegendruck von Eis nach dem Abschmelzen eines Gletschers oder auftauender Permafrost.

«Zu den furchtbarsten Elementarereignissen der Alpen gehören die Bergstürze.»

Professor Dr. Richard Armin Baltzer, einer der bedeutendsten wissenschaftlichen Alpenpioniere des 19. Jahrhunderts, schrieb 1875 im Jahrbuch des Schweizer Alpen-Clubs zu diesem Thema: «Zu den furchtbarsten Elementarereignissen der Alpen gehören die Bergstürze. Nicht der vergängliche, leicht gewobene Schleier einer Staublawine oder selbst das Wüthen entfesselter Wassermassen schreckt das Gemüth des Gebirgsbewohners am Meisten, weit fürchterlicher wird der Eindruck, wenn ein ganzer Berg in Bewegung kommt.»

Berge kamen in der Vergangenheit in der Schweiz immer wieder in Bewegung und hinterliessen mal mehr, mal weniger grosse Zerstörung und Leid.

Inhaltsverzeichnis

Vor 9000 Jahren: Flims
1806: Goldau
1881: Elm
1991: Randa
2000: Gondo
2017: Bondo
2023: Brienz/Brinzauls
2024: Piz Scercen/Val Roseg
2025: Blatten

Vor 9000 Jahren: Flims (Graubünden)

Der bislang wohl grösste bekannte Bergsturz in der Schweiz (und vermutlich auch in Europa) ereignete sich von rund 9000 Jahren auf dem Gebiet des heutigen Flims. Nach der letzten Eiszeit lösten sich rund 13 Kubikkilometer Kalkfels (das ist etwa 12 bis 13 mal das Matterhorn), stürzten in die Tiefe und schütteten den Rhein zu. Der Fluss wurde gestaut, so dass in der Ebene von Ilanz ein See entstand, der sich später seinen eigenen Abfluss schuf. Daraus entstand die einzigartige Rheinschlucht mit ihren weissen, steilen und bizarren Kalkwänden und dem sich windenden Fluss.

Das Bergsturzgebiet in Flims Richtung Norden
Bergsturzgebiet Richtung Norden (Bild: Adrian Michael)
Die Rheinschlucht mit der RhB- und Fussgängerbrücke
Die Rheinschlucht mit der RhB- und Fussgängerbrücke (Bild: Adrian Michael)

In dieser Region kommt es immer wieder zu kleineren oder grösseren Abbrüchen: Am 10. April 1939 richtete ein Felssturz oberhalb von Flims beträchtlichen Schaden an: Rund 100’000 Kubikmeter Geröll zerstörten nicht nur fast zehn Hektaren Wald, auch ein Kinderheim wurde Opfer der Steinmassen: 13 Kinder und fünf Erwachsene fanden dabei den Tod.

1806: Goldau (Schwyz)

Am 2. September 1806 zerstörte ein gewaltiger Felssturz vom Rossberg das Dorf Goldau. 457 Menschen und Hunderte Tiere kamen dabei ums Leben; über 300 Häuser und Scheunen wurden zerstört. Ein Teil der Felsmassen stürzte in den Lauerzersee und lösten einen 15 Meter hohen Tsunami aus. Zehn Menschen starben in den daraus resultierenden Überschwemmungen am Südufer des Sees.

Druckgrafik vom Bergsturz in Goldau 1806
Druckgrafik von Goldau nach dem Bergsturz (Bild: Schweizerisches Nationalmuseum)

1881: Elm (Glarus)

Am 11. September 1881 löste der Einsturz eines Schieferbergwerks in Elm einen tödlichen Bergsturz aus. Schätzungsweise zehn Millionen Kubikmeter Gestein stürzten innerhalb von Sekunden ins Tal und begruben die Menschen in ihren Häusern. 114 von ihnen wurden dabei getötet.

Illustration des Bergsturzgebiets von Elm 1881
Eine Illustration nach dem Bergsturz von Elm.

1991: Randa (Wallis)

Gleich zwei Bergstürze hintereinander gab es im April und Mai 1991 oberhalb der Gemeinde Randa im Mattertal. Rund 30 Millionen Kubikmeter Geröll und Fels lösten sich damals. Die Gesteinsmassen begruben die Eisenbahn- und Strassenverbindungen unter sich und stauten den örtlichen Fluss auf. Zudem wurden Ferienhäuser und Bauernhöfe zerstört und Nutztiere getötet. Menschen kamen glücklicherweise keine ums Leben.

Bilder der Bergstürze in Randa 1991
Die Staubwolke während des Bergsturzes und der entstandene Schuttkegel (Bilder: Andreas Götz)

2000: Gondo (Wallis)

Dreizehn Menschen kamen ums Leben, als im Oktober 2000 das Walliser Grenzdorf Gondo von mehreren Murgängen und Erdrutschen heimgesucht wurde. Drei Tage lang fielen sintflutartige Regenmengen – stellenweise über 400 Millimeter –, die Hänge oberhalb des Dorfes destabilisierten. Eine 40 Meter breite Schlammlawine teilte das Dorf in zwei Hälften. Zehn Häuser, die Schule, Geschäfte und ein Teil der Strasse wurden zerstört.

Blick auf Gondo kurz nach dem Bergsturz und nach dem Wiederaufbau
Gondo kurz nach dem Bergsturz (l.) und nach den Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten

Zwar handelte es sich nicht um einen klassischen Bergsturz, doch die Auswirkungen waren ebenso verheerend: Teile von Gondo wurden vollständig zerstört, zahlreiche Gebäude unbewohnbar, und wichtige Verkehrsverbindungen unterbrochen. Auch andere Orte im Oberwallis waren von Erdrutschen und Hochwasser betroffen – zeitweise war die Region nur schwer erreichbar.

2017: Bondo (Graubünden)

Am 23. August 2017 stürzten drei Millionen Kubikmeter Fels vom Piz Cengalo hinab ins Val Bondasca. Die Schutt- und Schlammmassen flossen hinunter nach Bondo und die umliegenden Ortschaften Promontogno, Sottoponte und Spino. Acht Bergwanderer kamen ums Leben, und die Häuser von zehn Personen wurden zerstört. 147 Bewohner von Bondo mussten in Sicherheit gebracht werden.

Der Schuttkegel in Bondo nach dem Bergsturz 2017
3,1 Mio. Kubikmeter Material sturzten hinab ins Val Bondasca (Bild: VBS)

2023: Brienz/Brinzauls (Graubünden)

Rund 1,2 Millionen Kubikmeter Fels sind am 16. Juni 2023 oberhalb der Gemeinde Brienz/Brinzauls von einer «Felsinsel» abgerutscht, die aber zum Glück kurz vor den ersten Häusern zum Stillstand kamen. Der Schuttkegel auf der Strasse war bis zu 15 Meter hoch, Menschen wurden keine verletzt oder getötet. Bereits 1877 ging nur wenige Dutzend Meter östlich des aktuellen Rutsches der sogenannte «Igl Rutsch» nieder.

Der Schuttkegel oberhalb von Brienz/Brinzauls nach dem Bergsturz 2023
Der Schuttkegel, den der Bergsturz von Brienz/Brinzauls hinterliess

Update 9.11.2024: Brienz droht erneut verschüttet zu werden. Eine Steinlawine könnte mit über 80 Stundenkilometern das Dorf erreichen. Die 1,2 Millionen Kubikmeter absturzgefährdeten Gesteinsmassen sind im Vergleich zum letzten grossen Ereignis vom Juni 2023 sehr feucht. Deshalb muss davon ausgegangen werden, dass sie schneller abrutschen und weiter ins Dorf vordringen könnten. Aktuelle Informationen der Gemeinde findest du hier.

2024: Piz Scerscen/Val Roseg (Graubünden)

Der jüngste Bergsturz ereignete sich am 14. April 2024 am Piz Scerscen im Engadin. Über eine Million Kubikmeter Fels stürzten über den Tschiervagletscher hinunter ins Val Roseg. Der Schuttstrom erstreckt sich auf über fünf Kilometer Länge. Glaziologe Matthias Huss sagte ein paar Tage später: «Der ganze Tschiervagletscher ist abrasiert.». Menschen oder Tiere kamen bei diesem Ereignis keine zu Schaden.

Der Bergsturz am Piz Scerscen hinterliess eine grosse Narbe (Bilder: Matthias Huss & SAC Bernina)

2025: Blatten (Wallis)

Zwischen dem 19. und dem 28. Mai 2025 lösten sich am Kleinen Nesthorn oberhalb von Blatten im Lötschental gewaltige 3,5 Millionen Kubikmeter Felsmaterial. Die Massen stürzten auf den darunterliegenden Birchgletscher und türmten sich zu einem gewaltigen Schuttkegel auf, der etwa neun Millionen Tonnen wog. Dieses enorme Gewicht brachte den Gletscher in Bewegung und beschleunigte seinen Vorstoss ins Tal.

Blatten im Lötschental nach dem gewaltigen Bergsturz
Blatten wurde fast vollständig verschüttet

Am 28. Mai kam es schliesslich zu einem massiven Gletscherabbruch: Eine gewaltige Lawine aus Geröll, Schlamm und Eis riss talwärts und richtete verheerende Schäden an – die meisten Gebäude in Blatten wurden zerstört. Eine Person kam vermutlich ums Leben. Weitere Opfer sind laut Angaben der Behörden keine zu beklagen, da Blatten bereits am 19. Mai vorsorglich evakuiert wurde. Rund 300 Menschen mussten damals ihre Häuser verlassen.

Das Walliser Dorf Blatten vor und nach dem Bergsturz
Blatten vor und nach dem Bergsturz (Bild: SRF)

Auch mehere Tage nach dem Bergsturz bleibt der Berg in Bewegung. «Es gibt immer noch Felsabbrüche vom Kleinen Nesthorn», sagte Matthias Ebener, Informationschef des Regionalen Führungsstabs im Lötschental.

Der Fluss Lonza, der durch Blatten fliesst, ist vom Geröll vollständig aufgefüllt worden. Das Wasser staute sich in einem entstandenen See auf, dessen Pegel unterdessen wieder etwas gesunken ist. Experten befürchten, dass es je nach Abfluss des Wassers zu Überflutungen und Schäden weiter unten im Tal kommen könnte. Es drohen zudem weitere Murgänge.

Jährlich Schäden von über CHF 300 Mio.

Das Alpenland Schweiz ist Naturgefahren (Murgänge, Rutschungen, Stein- und Blockschlag sowie Fels- und Bergstürze) stark ausgesetzt. Das Bundesamt für Umwelt schätzt, dass sechs bis acht Prozent des Landes instabil und von Erdrutschen und Felsstürzen bedroht sind, vor allem in den Alpen und den unteren Alpenregionen. Rund sieben Prozent der Bevölkerung leben in Gebieten, die von Lawinen, Erdrutschen, Steinschlägen oder Felsstürzen betroffen sein könnten. 

Zwischen 1972 und 2023 verursachten Murgänge, Rutschungen, Bergstürze und Hochwasser in der Schweiz im Schnitt Schäden in der Höhe von rund 306 Mio. Franken pro Jahr. Über 90 Prozent der Schäden sind auf Hochwasser und Murgänge zurückzuführen. Bei Felsstürzen und Steinschlag sind hingegen überdurchschnittlich oft Todesopfer und Verletzte zu beklagen.

Felsbrocken liegen nach einem Felssturzt auf einer Strasse in den Alpen.
6 bis 8 Prozent der Schweiz sind instabil und von Erdrutschen und Felsstürzen bedroht

Mit ein Grund für Felsstürze und Steinschlag sind steigende Temperaturen, schmelzende Gletscher und auftauender Permafrost. Vor allem Siedlungen unterhalb von Permafrostgebieten müssen gemäs Experten in den kommenden Jahren verstärkt mit Erdrutschen und Murgängen rechnen. 

Permafrost-Monitoring

Permafrost, also ständig gefrorener Boden, kommt vor allem oberhalb von 2400 m ü. M. vor. In der Schweiz betrifft das rund sechs Prozent der Fläche der Alpen. Alle Bodenarten (Fels, Geröll, Moränen etc.) können gefroren sein. Die Hinweiskarte der potenziellen Permafrostverbreitung in der Schweiz stellt die Gebiete dar, in denen der Boden möglicherweise (noch) ganzjährig gefroren ist.

Im Sommer erwärmt sich normalerweise nur die oberste Schicht des Bodens, die sogenannte Auftauschicht. Durch die Klimaerwärmung tauen in gewissen Gebieten aber immer häufiger auch tiefere Schichten auf und der Untergrund wird entsprechend instabil. Rund 100 rutschgefährdete Felswände und Hänge werden deshalb aktuell im Schweizer Alpenraum rund um die Uhr mit Sensoren überwacht, vor allem in den Gebirgskantonen Wallis, Graubünden und Bern.

Quellen: Gemeinde Flims, Bundesamt für Umwelt (BAFU), Schweizer Alpen-Club SAC, swissinfo.ch, Schweizerisches Nationalmuseum, Nationale Plattform Naturgefahren (PLANAT), gletschervergleiche.ch, Wikipedia, suworowelm.ch, Gemeinde Gondo, Kanton Graubünden


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