Murmeltiere gehören zu den faszinierendsten Bewohnern der Alpen. Diese niedlichen und sozialen Tiere sind nicht nur ein wichtiger Bestandteil des Ökosystems, sondern auch ein Highlight für Wanderer und Naturliebhaber. In diesem Beitrag erfährst du mehr über das interessante Leben und Verhalten der Murmeltiere.

Wer kennt sie nicht, die putzigen Fellknäuel, die man auf Wanderungen in den Bergen meistens erst hört, bevor man sie sieht. In der Schweiz leben aktuell vermutlich etwas mehr als 6600 Tiere (Stand 2021, Quelle BFS). In der Deutschschweiz werden Murmeltiere auch als «Munggen» oder «Murmeli» bezeichnet, im Rätoromanischen heissen sie «Muntanella», im Tessin und der französischsprachigen Schweiz «Marmotta» bzw. «Marmotte».

Ein Murmeltier schaut aus einem Bau, dessen Öffnung von Bergblumen umgeben ist.

Gattung und Herkunft

Murmeltiere gehören zur Gattung Marmota, die zur Familie der Hörnchen (Sciuridae) zählt. Es gibt insgesamt 15 Arten von Murmeltieren, von denen das Alpenmurmeltier (Marmota marmota) die bekannteste und in Europa am weitesten verbreitete Art ist. Die Urahnen der Alpenmurmeltiere wanderten vor etwa 2,5 Millionen Jahren von Nordamerika nach Europa. Mit einer Kopf-Rumpf-Länge von 40 bis 50 cm und einer Schwanzlänge von 10 bis 20 cm gehören die Alpenmurmeltiere heute zu den grössten Murmeltieren. In Europa belegen sie nach dem Stachelschwein und dem Biber Platz drei der grössten Nagetiere.

Lebensraum der Murmeltiere

Alpenmurmeltiere sind an ein Leben in kalten, hochgelegenen Gebieten angepasst und haben im Laufe der Evolution verschiedene Strategien entwickelt, um in diesen rauen Umgebungen zu überleben. Freilebende Murmeltiere werden in der Regel etwa 12 Jahre alt.

Zwei Murmeltiere auf einer grünen Wiese in den Bergen. Im Hintergrund sind teilweise schneebedeckte felsen zu sehen.
Murmeltiere mögen Felsen und Grashänge

In der Schweiz leben Murmeltiere hauptsächlich in den Alpen und im Jura, auf einer Höhe von etwa 800 bis 3000 Metern. Als Lebensraum bevorzugen sie offene, grasbewachsene Hänge, oft in der Nähe von Felsen, die ihnen Schutz vor Raubtieren bieten.

Die Baue der Murmeltiere werden meist über Generationen ins Erdreich gegraben und bestehen aus einem weit angelegten und komplexen System aus Kammern und Tunneln. Die «Sommerbaue» werden in der warmen Jahreszeit ständig genutzt. Diese Baue liegen nicht besonders tief unter der Erde und dienen den Tieren vor allem als Rückzugsorte um sich vor Fressfeinden aber auch der Sommerhitze zu schützen.

«Winterbaue» liegen deutlich tiefer unter der Erde und sind somit frostsicher. In diesen Bauen überwintern die Murmeltiere. Winterbaue bestehen mehreren grossen Schlafkammern sowie kleineren Kammern, die den Tieren zum Absetzen von Kot und Urin dienen.

Obwohl sich die Schneedecke in den letzten Jahrzehnten markant verändert hat, kommen Murmeltiere mit den neuen Bedingungen bislang gut zurecht. Eine Langzeitstudie des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung zeigt: Die Tiere sind nach dem Winterschlaf weder leichter noch in schlechterer Verfassung als früher, und auch ihr Fortpflanzungsverhalten bleibt stabil. Ihre tief gelegenen Winterbaue und ihr angepasster Stoffwechsel scheinen sie derzeit noch ausreichend zu schützen – zumindest vorerst.

Soziale Strukturen

Murmeltiere leben in Familiengruppen, die aus einem dominanten Paar (manchmal auch «Bär» und «Katze» genannt) und deren Nachkommen bestehen. In der Regel leben bis zu 20 Tiere in einer solchen Gruppe.

Eine Gruppe Murmeltiere versammelt sich in alpiner Landschaft beim Eingaung ihres Baus.
Eine Murmeltiergruppe vor ihrem Bau

Innerhalb der Gruppe spielen soziale Interaktionen eine sehr wichtige Rolle. So verbringen Murmeltiere viel Zeit mit der gegenseitigen Fellpflege und kommunizieren durch eine Vielzahl von Lauten, darunter Pfiffe, Schreie und Grunzlaute. Wenn sich Murmeltiere begrüssen, reiben sie die Nasen aneinander und stecken die Köpfe zusammen.

Zwei Murmeltiere liebkosen sich auf einer Bergwiese.
Soziale Interaktionen sind wichtig für Murmeltiere

Fortpflanzung

Die Paarungszeit der Murmeltiere beginnt rund zwei Wochen nach dem Winterschlaf. Das ist kein Zufall: Nur so bleibt genügend Zeit, damit die Jungen bis zum Herbst genug wachsen können. Weibchen sind dabei gerade mal 24 Stunden empfängnisbereit.

Etwa Anfang Juli wagen sich dann zwei bis sieben Jungtiere zum ersten Mal aus dem Bau. Die Kleinen stammen fast immer vom ranghöchsten Weibchen. Dieses duldet keine Konkurrenz: Jüngere, ebenfalls gedeckte Weibchen werden durch sozialen Stress so stark unterdrückt, dass sie entweder gar keine Jungen bekommen – oder ihre Neugeborenen kurz nach der Geburt verlieren. In seltenen Fällen tötet das dominante Weibchen sogar fremde Jungtiere.

Ein Murmeltierweibchen mit zwei Jungtieren auf einer Wiese in den Bergen.
Eine Murmeltier-Katze mit ihrem Nachwuchs

Wird der Vater der Jungtiere von einem Rivalen verdrängt, greift der neue «Chef» hart durch: Er tötet den Wurf, damit das Weibchen ihre Energie nicht weiter in fremden Nachwuchs steckt. So steigt die Chance, dass sie im nächsten Jahr für seinen eigenen Nachwuchs bereit ist. Sicher ist das aber nicht – Murmeltierweibchen lassen sich Zeit. Sie pflanzen sich nicht jedes Jahr fort, sondern legen zwischen zwei Würfen mitunter bis zu vier Jahre Pause ein.

Territorium

Die Wohngebiete der einzelnen Murmeltier-Familien sind durchschnittlich etwa 2,5 Hektaren gross. Die Grenzen ihres jeweiligen Territoriums werden täglich mit Sekret der Wangendrüsen nachmarkiert. Dafür streifen die Tiere ihren Kopf an Grasbüscheln oder an anderen auffälligen Strukturen ab.

Ein Murmeltier steht auf allen Vieren in einer blumigen Berglandschaft und schaut in die Ferne.

Murmeltiere verteidigen ihr Revier aktiv – und zwar persönlich. Zuständig dafür sind vor allem die ranghöchsten Tiere: Das dominante Männchen vertreibt fremde Männchen, das ranghohe Weibchen kümmert sich um weibliche Eindringlinge. Gelingt das nicht durch Drohgebärden, wird gekämpft. Der Sieger darf bleiben, der Verlierer muss gehen. Tödlich endet das selten – aber schmerzhaft kann es trotzdem werden.

Kommunikation und Warnsystem

Murmeltiere haben ein ausgeklügeltes Warnsystem entwickelt, um sich vor Raubtieren zu schützen. Zu diesen gehören vor allem Steinadler und Füchse. Daneben können auch Marder, Kolkraben und Habichte für Jungtiere gefährlich werden. Bei Gefahr stossen Murmeltiere laute Warnpfiffe aus, die die anderen Mitglieder der Kolonie alarmieren. Diese Pfiffe unterscheiden sich je nach Art der Bedrohung und werden entsprechend interpretiert.

Hier kannst du dir das typische Pfeifen eines Murmeltiers anhören

Hält ein Murmeltier Wache oder ist in Alarmzustand, steht es aufrecht da und lässt die Vorderpfoten vor der Brust hinunterhängen.

Ein Murmeltier steht auf einer Bergwiese auf den Hinterbeinen und beobachtet die Umgebung.
Es sieht dich …

Ernährung der Murmeltiere

Murmeltiere sind Pflanzenfresser und ernähren sich hauptsächlich von Gräsern, Kräutern und Blumen. Etwas seltener fressen sie Früchte, Samen oder Insekten – letztere vor allem, um ihren Eiweissbedarf zu decken. Knollen oder Wurzeln sind weniger beliebt und werden daher ebenfalls nur selten gefressen.

Ein Murmeltier in den Bergen frisst aus seinen Vorderpfoten.
Murmeltiere sind hauptsächlich Vegetarier

Ein erwachsenes Murmeltier frisst täglich ein bis eineinhalb Kilo Pflanzen. Die Nahrungsaufnahme ist im Sommer darauf ausgelegt, möglichst grosse Fettreserven für den Winter bzw. den Winterschlaf anzufressen. Und so futtert sich ein erwachsenes Tier in dieser Zeit bis zu zwei Kilo reines Fett an. Mit rund sechs Kilo Gewicht startet es dann in den Winterschlaf. Nach dem guten halben Jahr Schlaf hat das Murmeltier 40 bis 50 Prozent seines Gewichts verloren.

Winterschlaf

Der Winterschlaf ist eine der bemerkenswertesten Verhaltensweisen von Murmeltieren. Dieser dauert in der Regel von Ende September bis Mitte April / Anfang Mai und ist eine Anpassung an die kalten Temperaturen und die Nahrungsknappheit im Winter. Um möglichst viel Energie zu sparen, sinkt die Körpertemperatur während des Winterschlafs auf bis auf 3° C ab, und der Herzschlag verlangsamt sich auf etwa fünf Schläge pro Minute.

Ein Murmeltier im Schnee in den Bergen.

Etwa alle zwei Wochen erwachen die Tiere, um Kreislauf und Körpertemperatur für rund einen Tag auf fast Sommerwerte hochzufahren. In dieser Zeit regenerieren sie nicht nur, sondern entleeren auch ihren Darm und ihre Blase. Ihren Bau verlassen sie dafür aber nicht, denn ihr «WC» befindet sich in einem separaten, abgetrennten Raum tief unten im Bau.

Mythen und Irrglaube

Um die putzigen Alpentiere ranken sich diverse Mythen und Erzählungen. Beispielsweise die aus der Römerzeit, wonach Murmeltiere im Herbst Heu auf dem Rücken in ihre Bauten tragen würden. Zwar transportieren sie vor dem Winterschlaf trockenes Gras zur Polsterung in ihren Bau, aber natürlich nicht auf dem Rücken. Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Zweifel an dieser Aussage so gross, dass sie dem «Märchenreich» zugeordnet wurde.

Nein, Murmeltiere tragen kein Heu auf dem Rücken (Bild: ChatGPT)

Ein weiterer Mythos ist, dass der Eingang des Winterbaus durch ein uraltes Tier von aussen verschlossen wird, das sowieso bald sterben würde. Verschlossen wird der Bau aber mit dem sogenannten «Zapfen», der zwischen ein und vier Meter lang sein kann und hauptsächlich aus Erde und Kies besteht.

Der bekannteste Mythos, besonders in Nordamerika, ist der des «Groundhog Day» (Murmeltiertag) am 2. Februar. Laut diesem Glauben sagt das Verhalten des Murmeltiers an diesem Tag das Wetter für die kommenden Wochen voraus. Wenn das Murmeltier aus dem Bau kommt und seinen Schatten sieht, bedeutet das sechs weitere Wochen Winter. Sieht es seinen Schatten nicht, kommt der Frühling frühzeitig.

Murmeltiere als Nahrungs- und Heilmittel

Kein Mythos oder Irrglaube ist hingegen, dass man Murmeltiere essen kann. Ihr Fleisch war früher eine Notspeise und eine willkommene Abwechslung zum kargen Speiseplan auf der Alp. Heute gilt Murmeltier-Fleisch in manchen Gegenden der Schweiz und des Vorarlbergs als Delikatesse. Der Geschmack soll ähnlich sein wie beim Kaninchenfleisch.

Vor einigen Jahren habe ich in S-charl im Kanton Graubünden selber einmal Murmeltier probiert – vom Chef des Gasthauses selbst erlegt, hiess es. Ob das Fleisch wirklich wie Kaninchen schmeckt, kann ich allerdings nicht sagen, weil ich einen Murmeltier-Pfeffer hatte, klassisch zubereitet mit Rotkraut und Spätzli als Beilage. Schlecht war er nicht, aber er hat halt geschmeckt, wie ein ganz normaler Wild-Pfeffer.

Bestätigen kann ich hingegen die Wirkung von Murmeltiersalbe, die neben pflanzlichen Extrakten und ätherischen Ölen auch Murmeltierfett enthält. Dieses Fett enthält natürliche Stoffe, die mit dem Cortison verwandt sind, weshalb die Salbe auch gut gegen Muskelkater und Gelenkschmerzen hilft. Zum Glück brauche ich die Salbe aber nicht allzu oft. 😊

Quellen: Schweizerische Gesellschaft für Wildtierbiologie, Pro Natura, Alpenwild, Tierlexikon.ch, Viamala.ch, Wikipedia, SAC, Biologiezentrum Linz, Bundesamt für Statistik BFS, Tierwelt.ch


BERGWELT ABONNIEREN

2 Kommentare zu „Murmeltiere: Die heimlichen Stars der Alpen

Kommentar verfassen