Zuletzt aktualisiert am 19. Februar 2026 |

Winter- und Schneeschuhwandern liegen im Trend. Die verschneite Landschaft verzaubert mit ihrer Stille, dem klaren Licht und dem Knirschen des Schnees unter den Schuhen. Doch unter dieser Idylle verbirgt sich eine Gefahr, die man kaum sieht: Dolinen, auch Karstlöcher genannt. Wie sie entstehen und warum sie im Winter besonders tückisch sind, zeigt dieser Beitrag.

Der Begriff «Doline» stammt vom slawischen Wort «Dolina», das «Tal» bedeutet. Dolinen sind trichterförmige Vertiefungen, die durch das Einsinken des Bodens entstehen. Ihr Durchmesser reicht von wenigen Metern bis über einen Kilometer. Sie kommen vor allem in Karstlandschaften vor, wo löslicher Kalkstein das Gelände formt.

Karstlandschaft mit Dolinen in den Glarner Alpen
Karstlandschaft in den Glarner Alpen

Rund 20 Prozent der Schweiz bestehen aus Karst. Solche Gebiete finden sich im Jura, in den Voralpen und in Teilen der Alpen – etwa im Berner Oberland, in den Glarner Alpen, im Rätikon und in der Churfirstenregion im St.Galler Toggenburg.

Unter diesen Landschaften verbirgt sich ein riesiges Netz aus Höhlen. Rund 8000 sind in der Schweiz bekannt. Das Hölloch im Kanton Schwyz ist mit fast 200 Kilometern Länge das grösste und gehört weltweit zu den längsten Höhlensystemen.

Übersichtskarte Karstgebiete und Dolinen in der Schweiz
Quelle: Schweizerisches Institut für Speläologie und Karstforschung.

Wie entstehen Dolinen?

Dolinen entstehen langsam. Regen- und Schmelzwasser sickern durch Risse im Gestein, nehmen Kohlensäure auf und lösen den Kalkstein über Jahre hinweg auf. Dabei entstehen Hohlräume, die sich vergrössern und verbinden können.

Karstgebiet in der Schrattenfluh
Karstgebiet in der Schrattenfluh (Bild: Severin Stadler)

Wird die Decke instabil, bricht sie ein. Zurück bleibt eine Senke oder eine Gruppe von Dolinen, die ganze Karstfelder bilden können.

Eine Doline im Alpstein
Ein Karstloch im Alpstein

Die Gefahren von Dolinen im Winter

Zwischen 2004 und 2023 wurden gemäss dem Schweizer Alpen-Club (SAC) 35 Unfälle im Zusammenhang mit Karstlöchern dokumentiert, vier davon endeten tödlich. 13 Unfälle ereigneten sich auf Skitouren, beim Schneeschuhwandern oder Freeriden, die restlichen beim Bergwandern.

Aktuellere Zahlen liegen bislang nicht vor. Am 1. Dezember 2025 kam es aber zum ersten Dolinen-Unfall der Saison 25/26. Die Rega musste auf der Schrattenfluh einen Tourenskifahrer aus einem Karstloch befereien, in das er eingebrochen war. (Fotos: Rega)

Im Interview mit dem Onlineportal stgallen24.ch habe ich einmal gesagt, dass Dolinen im Winter ähnlich gefährlich sein können wie Gletscherspalten – vielleicht sogar gefährlicher, weil man sie oft nicht sieht. Und während man sich auf einer Gletschertour mit Seil und Partner absichert, ist man auf einer Winterwanderung oder Schneeschuhtour eher auch mal alleine unterwegs und ohne Sicherung. Wenn man dann in eine verdeckte Doline einbricht, hat man kaum eine Chance, sich selbst zu befreien.

Hauptgefahren im Überblick:

1. Einbruchgefahr
Im Winter liegen Dolinen oft unter einer Schneedecke verborgen. Wer eine solche Stelle betritt, kann unvermittelt einbrechen und sich schwer verletzen. Tiefe und Beschaffenheit sind kaum erkennbar, eine Rettung ist entsprechend schwierig.

2. Unsichtbare Hohlräume
Die unterirdischen Strukturen bleiben bestehen, auch wenn sie von Schnee bedeckt sind. Gibt die Schneelast nach, kann ein Hohlraum kollabieren. Wer sich darüber befindet, kann einbrechen und in der Doline verschwinden.

Karstlöcher im Schnee
Besonders heikel: kleine schneebedeckte Dolinen (Bild: Alpine Rettung Schweiz)

3. Veränderte Sichtverhältnisse
Schnee verändert das Gelände und erschwert die Orientierung. Dolinen lassen sich kaum erkennen, markante Punkte fehlen. Selbst vertrautes Terrain kann dadurch gefährlich werden.

4. Schneebrücken
Über Hohlräumen bilden sich häufig dünne Schneeschichten, die trügerisch stabil wirken. Sie sind meist nicht tragfähig und können schon bei geringer Belastung brechen.

Dolinen auf Karte erkennen

Die gute Nachricht: Dolinen sind auf Landeskarten mit trichterähnlichen Symbolen vermerkt. Die schlechte: Erfasst werden in der Regel nur grössere Vertiefungen ab etwa zehn Metern Durchmesser. Die kleineren, für Wanderer besonders heiklen Dolinen erscheinen nicht.

Das nachfolgende Kartenbeispiel zeigt einen Karstabschnitt im Toggenburg. Die markierten Symbole weisen grössere Dolinen aus. Ob in der Nähe weitere kleine Senken liegen, ist der Karte nicht zu entnehmen.

Eingezeichnete Dolinen auf einer Landkarte
Karstlöcher im Gebiet Hinderselun im Toggenburg

Es gibt sie aber. So wie auf dem folgenden Bild sieht die Gegend dort nämlich aus. Liegt im Winter Schnee, sind die meisten Spalten und Dolinen kaum oder gar nicht mehr zu erkennen.

Karstlandschaft im Toggenburg
Karstfeld im Toggenburg

Sicherheitsmassnahmen im Winter

Wer im Winter in einem Karstgebiet unterwegs ist, sollte sich der Risiken bewusst sein und entsprechende Vorsichtsmassnahmen treffen. Die folgenden Punkte helfen, gefährliche Situationen zu vermeiden.

Im Voraus informieren
Recherchiere die geologischen Verhältnisse der Region. Viele Karstgebiete sind bekannt und auf Karten dokumentiert.

Auf markierten Wegen bleiben
Offizielle Winterrouten umgehen gefährliche Zonen bewusst. Wer auf markierten Pfaden bleibt, minimiert das Risiko deutlich.

Vorsicht bei Schneebrücken
Wenn du unsicher bist, ob eine Schneebrücke trägt, geh ihr aus dem Weg. Oft ist nicht ersichtlich, was darunter liegt.

Nicht alleine auf Tour gehen
Es muss nicht gleich eine Doline sein. Auch ein verknackster Knöchel, ein Sturz oder ein leerer Akku können zur Gefahr werden, wenn niemand helfen kann. Plane Wintertouren deshalb nie allein.

Sicherheitsausrüstung & Proviant
Trage angemessene Winterausrüstung. Packe ausreichend Proviant und ein heisses Getränk ein – viele Berggasthäuser bleiben im Winter geschlossen.


BERGWELT ABONNIEREN

Kommentar verfassen