Zuletzt aktualisiert am 22. Juli 2026 |

Die Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Alpen trägt weiter Früchte. Nachdem 2025 in der Schweiz mit 26 ausgeflogenen Jungvögeln ein Rekord erreicht wurde, gibt es nun auch aus der Ostschweiz erfreuliche Nachrichten: Im Kanton St.Gallen gelang im Taminatal bereits die zweite erfolgreiche Brut in Folge. Damit gilt der Bartgeier dort als wieder etabliert. Die Entwicklung zeigt exemplarisch, dass sich die Population in den Alpen weiter erholt.

Das Rekordjahr 2025 markierte einen Meilenstein für das Wiederansiedlungsprojekt. Insgesamt flogen in der Schweiz 26 junge Bartgeier aus, so viele wie noch nie seit Beginn des Projekts. 16 der Jungvögel stammten aus Graubünden, sieben aus dem Wallis sowie je einer aus dem Tessin, Bern und dem Kanton St.Gallen. Die Ausbreitung in neue Regionen zeigt, dass die Population wächst und die Alpen genügend Lebensraum bieten.

Leben zwischen Fels und Himmel

Bartgeier gehören zu den grössten Vögeln Europas. Ihre Spannweite beträgt bis zu 2,9 Meter, das Gewicht liegt meist zwischen fünf und sieben Kilogramm. Sie leben in hochalpinen Regionen und brüten mitten im Winter, meist im Januar oder Februar, in abgelegenen Felswänden. Das Gelege umfasst ein bis zwei Eier, doch in der Regel wird nur ein Küken erfolgreich grossgezogen. Dieses bleibt bis zu vier Monate im Horst und wird auch danach noch mehrere Wochen von den Eltern versorgt.

Bartgeier leben in dauerhaften Paarbindungen und können über 30 Jahre alt werden, in Gefangenschaft auch deutlich länger.

Saubermacher der Berge

Bartgeier sind hochspezialisierte Aasfresser. Rund drei Viertel ihrer Nahrung besteht aus Knochen, die sie dank einer extrem starken Magensäure verdauen können. Um grössere Stücke nutzen zu können, lassen sie diese aus der Luft auf Felsen fallen, bis sie zerbrechen. Indem sie Kadaverreste verwerten, die von anderen Aasfressern gemieden werden, übernehmen sie eine wichtige Rolle im Naturhaushalt der Alpen und tragen dazu bei, Krankheiten vorzubeugen.

Der Mythos vom «Lämmergeier»

Noch immer hält sich die Vorstellung, Bartgeier würden Lämmer, Gämskitze oder gar Kinder davontragen. Diese Annahme ist falsch. Ihre Krallen sind im Vergleich zu anderen Greifvögeln wenig kräftig und nicht zum Ergreifen lebender Beute geeignet. Fachleute betonen zudem, dass Bartgeier in der Regel nicht mehr als drei Kilogramm tragen können – ein deutliches Argument gegen die Vorstellung, sie könnten ein Lamm davontragen.

Viele Darstellungen aus dem 19. Jahrhundert zeigen übertriebene Szenen, etwa Stiche, in denen übergrosse Bartgeier Kinder attackieren. Auch ein oft zitiertes Ereignis von 1870 im Berner Oberland, bei dem ein Jugendlicher schwer verletzt worden sein soll, gilt aus heutiger Sicht als unsichere Zuschreibung. Historiker gehen davon aus, dass der schlechte Ruf des Bartgeiers aus solchen Übertreibungen und aus Angstvorstellungen jener Zeit entstand.

Tatsächlich sind Bartgeier hochspezialisierte Aasfresser und jagen nicht aktiv. Der alte Name «Lämmergeier» stammt aus dem Mittelalter, als man die Tiere wegen ihrer Grösse und ihres auffälligen Aussehens verteufelte.

Herausforderungen bleiben

Trotz der Rekordzahlen gibt es Risiken. Die genetische Vielfalt ist noch immer gering, da die heutige Population aus wenigen ausgewilderten Vögeln aufgebaut wurde. Fachleute beobachten einzelne Gefiederschäden, die möglicherweise mit Inzucht zusammenhängen. Hinzu kommen Gefahren durch Kollisionen mit Leitungen und Störungen an Brutplätzen. Ein weiteres Risiko bleibt Blei in Jagdmunition, das über Knochenreste in den Nahrungskreislauf der Bartgeier gelangen kann. Dasselbe gilt für Drohnen- und Helikopterflüge sowie für Personen, die Horsten bei Tierbeobachtungen oder zum Fotografieren zu nahe kommen. Deshalb werden die genauen Standorte aktiver Brutplätze nicht veröffentlicht.

Jungvögel sind zudem verletzlich und können in seltenen Fällen durch andere Greifvögel oder Räuber gefährdet sein. Für ausgewachsene Bartgeier sind natürliche Feinde kaum bekannt, ihre grösste Bedrohung bleibt der Mensch.

Um die genetische Basis der Population weiter zu verbreitern, werden die Auswilderungen fortgesetzt. Dazu gehört auch das Projekt auf der Melchsee-Frutt im Kanton Obwalden, das Ende 2025 um weitere fünf Jahre verlängert wurde. Seit 2015 wurden dort 18 Jungvögel ausgewildert.

Eine Studie zeigt, dass sich der Bartgeier-Bestand in den kommenden zehn Jahren verdoppeln könnte, wenn die Bedingungen günstig bleiben. Bereits kleine zusätzliche Verluste könnten diesen Trend jedoch wieder umkehren.

Ein Gewinn für die Alpen

Die zweite erfolgreiche Brut im Kanton St.Gallen zeigt, dass die Rückkehr des Bartgeiers in die Ostschweiz keine einmalige Erscheinung war. Gleichzeitig ist sie ein weiterer Beleg dafür, dass die Wiederansiedlung in den Alpen insgesamt funktioniert. Zwischen 2010 und 2014 wurden allein im Calfeisental zwölf Bartgeier ausgewildert. Einer davon war Noel-Leya, der Vater des ersten nachgewiesenen St.Galler Jungvogels. Vermutlich stammt auch der diesjährige Nachwuchs vom selben Brutpaar.

Die Entwicklung in St.Gallen steht stellvertretend für den Erfolg eines Projekts, das vor Jahrzehnten begann und heute in immer mehr Regionen der Alpen sichtbare Resultate zeigt. Damit sich diese Erfolgsgeschichte fortsetzt, bleibt der Schutz der Brutplätze ebenso wichtig wie die weitere Beobachtung der Population.

Wer zum Schutz beitragen will, kann Sichtungen an die Stiftung Pro Bartgeier melden oder an Beobachtungstagen teilnehmen. Jede Meldung hilft, das Wissen über die Verbreitung dieser einzigartigen Alpenbewohner zu erweitern.


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