Zuletzt aktualisiert am 09. Oktober 2026 |

Die Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Alpen bleibt eine Erfolgsgeschichte. 2026 sind in der Schweiz 30 Junggeier ausgeflogen, so viele wie noch nie. Auch alpenweit wurde mit 72 erfolgreichen Wildbruten ein neuer Rekord erreicht. Die Entwicklung zeigt, wie erfolgreich die Rückkehr des einst ausgerotteten Greifvogels verläuft.

Bereits 2025 hatte die Schweiz mit 26 ausgeflogenen Jungvögeln einen Rekord verzeichnet. Nun wurde diese Zahl erneut übertroffen. Besonders erfolgreich verlief die Brutsaison 2026 in Graubünden mit 18 und im Wallis mit sieben Jungvögeln. Im Kanton Bern waren zwei Brutpaare erfolgreich, während in St.Gallen und im Tessin je ein Jungvogel ausflog. Seit Beginn des Wiederansiedlungsprojekts 1991 sind damit in der Schweiz insgesamt 299 junge Bartgeier ausgeflogen, 242 davon aus Wildbruten.

Leben zwischen Fels und Himmel

Bartgeier gehören zu den grössten Vögeln Europas. Ihre Spannweite beträgt bis zu 2,9 Meter, das Gewicht liegt meist zwischen fünf und sieben Kilogramm. Sie leben in hochalpinen Regionen und brüten mitten im Winter, meist im Januar oder Februar, in abgelegenen Felswänden. Das Gelege umfasst ein bis zwei Eier, doch in der Regel wird nur ein Küken erfolgreich grossgezogen. Dieses bleibt bis zu vier Monate im Horst und wird auch danach noch mehrere Wochen von den Eltern versorgt.

Bartgeier leben in dauerhaften Paarbindungen und können über 30 Jahre alt werden, in Gefangenschaft auch deutlich länger.

Saubermacher der Berge

Bartgeier sind hochspezialisierte Aasfresser. Rund drei Viertel ihrer Nahrung besteht aus Knochen, die sie dank einer extrem starken Magensäure verdauen können. Um grössere Stücke nutzen zu können, lassen sie diese aus der Luft auf Felsen fallen, bis sie zerbrechen. Indem sie Kadaverreste verwerten, die von anderen Aasfressern gemieden werden, übernehmen sie eine wichtige Rolle im Naturhaushalt der Alpen und tragen dazu bei, Krankheiten vorzubeugen.

Der Mythos vom «Lämmergeier»

Noch immer hält sich die Vorstellung, Bartgeier würden Lämmer, Gämskitze oder gar Kinder davontragen. Diese Annahme ist falsch. Ihre Krallen sind im Vergleich zu anderen Greifvögeln wenig kräftig und nicht zum Ergreifen lebender Beute geeignet. Fachleute betonen zudem, dass Bartgeier in der Regel nicht mehr als drei Kilogramm tragen können – ein deutliches Argument gegen die Vorstellung, sie könnten ein Lamm davontragen.

Viele Darstellungen aus dem 19. Jahrhundert zeigen übertriebene Szenen, etwa Stiche, in denen übergrosse Bartgeier Kinder attackieren. Auch ein oft zitiertes Ereignis von 1870 im Berner Oberland, bei dem ein Jugendlicher schwer verletzt worden sein soll, gilt aus heutiger Sicht als unsichere Zuschreibung. Historiker gehen davon aus, dass der schlechte Ruf des Bartgeiers aus solchen Übertreibungen und aus Angstvorstellungen jener Zeit entstand.

Tatsächlich sind Bartgeier hochspezialisierte Aasfresser und jagen nicht aktiv. Der alte Name «Lämmergeier» stammt aus dem Mittelalter, als man die Tiere wegen ihrer Grösse und ihres auffälligen Aussehens verteufelte.

Herausforderungen bleiben

Trotz der Rekordzahlen gibt es Risiken. Die genetische Vielfalt ist noch immer gering, da die heutige Population aus wenigen ausgewilderten Vögeln aufgebaut wurde. Fachleute beobachten einzelne Gefiederschäden, die möglicherweise mit Inzucht zusammenhängen. Hinzu kommen Gefahren durch Kollisionen mit Leitungen und Störungen an Brutplätzen. Ein weiteres Risiko bleibt Blei in Jagdmunition, das über Knochenreste in den Nahrungskreislauf der Bartgeier gelangen kann. Dasselbe gilt für Drohnen- und Helikopterflüge sowie für Personen, die Horsten bei Tierbeobachtungen oder zum Fotografieren zu nahe kommen. Deshalb werden die genauen Standorte aktiver Brutplätze nicht veröffentlicht.

Jungvögel sind zudem verletzlich und können in seltenen Fällen durch andere Greifvögel oder Räuber gefährdet sein. Für ausgewachsene Bartgeier sind natürliche Feinde kaum bekannt, ihre grösste Bedrohung bleibt der Mensch.

Um die genetische Basis der Population weiter zu verbreitern, werden die Auswilderungen trotz der zunehmenden Zahl erfolgreicher Wildbruten fortgesetzt. Denn mit dem wachsenden Bestand steigt auch das Risiko von Inzucht. Dazu gehört das Projekt auf der Melchsee-Frutt im Kanton Obwalden, das Ende 2025 um weitere fünf Jahre verlängert wurde. Seit 2015 wurden dort 18 Jungvögel ausgewildert.

Eine Studie zeigt, dass sich der Bartgeier-Bestand in den kommenden zehn Jahren verdoppeln könnte, wenn die Bedingungen günstig bleiben. Bereits kleine zusätzliche Verluste könnten diesen Trend jedoch wieder umkehren.

Ein Gewinn für die Alpen

Die zweite erfolgreiche Brut im Kanton St.Gallen zeigt, dass die Rückkehr des Bartgeiers in die Ostschweiz keine einmalige Erscheinung war. Gleichzeitig ist sie ein weiterer Beleg dafür, dass die Wiederansiedlung in den Alpen insgesamt funktioniert. Zwischen 2010 und 2014 wurden allein im Calfeisental zwölf Bartgeier ausgewildert. Einer davon war Noel-Leya, der Vater des ersten nachgewiesenen St.Galler Jungvogels. Vermutlich stammt auch der 2006 ausgeflogene Nachwuchs vom selben Brutpaar.

Die Entwicklung in St.Gallen steht stellvertretend für den Erfolg eines Projekts, das vor Jahrzehnten begann und heute in immer mehr Regionen der Alpen sichtbare Resultate zeigt. Damit sich diese Erfolgsgeschichte fortsetzt, bleibt der Schutz der Brutplätze ebenso wichtig wie die weitere Beobachtung der Population.

Wer in den Alpen einen Bartgeier beobachtet, kann selbst zur Erforschung der Population beitragen. Sichtungen lassen sich der Stiftung Pro Bartgeier melden, möglichst mit Angaben zu Ort und Zeitpunkt sowie einem Foto. Solche Meldungen helfen, die Verbreitung der Vögel zu dokumentieren, einzelne Tiere wiederzuerkennen und die Entwicklung der Population langfristig zu verfolgen.


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