Eine europäische Langzeitstudie zeigt, wie stark sich die Pflanzenwelt im Hochgebirge verändert. Auf manchen Gipfeln wachsen zwar mehr Arten als früher. Gleichzeitig gehen jedoch die Bestände typischer Hochgebirgspflanzen zurück, und immer mehr Arten verschwinden lokal.
Wer auf einem Alpengipfel mehr Pflanzenarten findet als noch vor 20 Jahren, könnte das zunächst für eine gute Nachricht halten. Doch der Eindruck täuscht. Mit den steigenden Temperaturen breiten sich Pflanzen aus tieferen Lagen nach oben aus. Während diese Neuankömmlinge die Artenzahl vorübergehend erhöhen, geraten jene Arten unter Druck, die an die kalten Bedingungen im Hochgebirge angepasst sind.
Das zeigt eine Studie eines internationalen Forschungsteams um Johannes Wessely von der Universität Wien, die im Fachmagazin «Science» erschienen ist. Grundlage sind Daten des Forschungsprogramms GLORIA, das die Vegetation im Hochgebirge langfristig beobachtet.
62 Gipfel über mehr als 20 Jahre beobachtet
Für die Studie werteten die Forscher Vegetationsaufnahmen von 62 Gipfelstandorten in 16 europäischen Gebirgsregionen aus. Die meisten der jeweils einen Quadratmeter grossen Flächen wurden zwischen 2001 und 2022 viermal untersucht. Dabei erfassten die Forscher, welche Pflanzenarten vorkamen und wie gross deren jeweilige Deckung war.
Zwölf Standorte befinden sich in der Schweiz: acht im und um den Schweizerischen Nationalpark sowie vier im Wallis. Sie reichen vom 2360 Meter hohen Gebiet La Ly im Val de Bagnes bis zur Pointe de Boveire auf 3212 Metern.
Die wiederholten Erhebungen zeigen nicht nur, ob sich die Artenzahl verändert hat. Sie machen auch sichtbar, welche Pflanzen neu aufgetaucht, welche geblieben und welche bei einer späteren Untersuchung nicht mehr gefunden worden sind.
Die lokalen Verluste nehmen zu
Die Entwicklung ist deutlich: Auf Gipfelstandorten stieg der durchschnittliche Anteil der lokalen Verluste von 6,7 Prozent zwischen 2001 und 2008 auf 8,4 Prozent zwischen 2008 und 2015. Zwischen 2015 und 2022 erreichte er 9,9 Prozent. Auf einzelnen Untersuchungsflächen nahm der Anteil im gesamten Zeitraum sogar von 11,1 auf 15,7 Prozent zu.

Wird eine Pflanze bei einer einzelnen Erhebung nicht gefunden, muss sie allerdings noch nicht tatsächlich verschwunden sein. Deshalb berechneten die Forscher zusätzlich einen strengeren Wert, bei dem eine Art erst dann als lokal verschwunden galt, wenn sie auch bei einer späteren Untersuchung nicht wieder auftauchte. Doch auch nach dieser strengeren Betrachtungsweise nahmen die Verluste zu.
Je wärmer, desto stärker der Wandel
Die Forscher verglichen die Veränderungen der Vegetation mit der Temperaturentwicklung an den untersuchten Standorten. Dabei zeigte sich ein klarer Zusammenhang: Je stärker die Erwärmung ausfiel, desto wahrscheinlicher verschwanden Pflanzen lokal. Das galt sowohl für einzelne Untersuchungsflächen als auch für ganze Gipfel und Gebirgsregionen.
Besonders betroffen sind Arten, deren Verbreitungsschwerpunkt in höheren Lagen liegt. Sie verschwanden häufiger dort, wo sie bereits am unteren und damit wärmeren Rand ihres typischen Höhenbereichs wuchsen. Für die Forscher ist dies ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Erwärmung die beobachtete Entwicklung antreibt, auch wenn weitere Faktoren eine Rolle spielen können.
Noch da heisst nicht stabil
Dass eine Art auf einem Gipfel noch vorkommt, bedeutet nicht, dass ihr Bestand stabil ist. Die Daten zeigen, dass sich ein lokales Verschwinden häufig schon Jahre zuvor ankündigt: Ging die Deckung einer Art über mehrere Erhebungen zurück, war die Wahrscheinlichkeit grösser, dass sie später nicht mehr gefunden wurde.
Gerade bei langlebigen Hochgebirgspflanzen ist dieser schleichende Rückgang entscheidend. Eine Art kann noch über Jahre an einem Standort vorhanden sein, obwohl ihre Population bereits stetig kleiner wird. Ein blosses «noch da» sagt deshalb wenig darüber aus, wie gut es ihr tatsächlich geht.

Mehr Arten sind keine gute Nachricht
Trotz der zunehmenden Verluste stieg die Zahl der auf den Gipfeln erfassten Arten insgesamt an. Der Grund: Gleichzeitig tauchten neue Pflanzen auf, die tendenziell aus tieferen Höhenstufen stammen und mit den wärmeren Bedingungen weiter oben neue Lebensräume besiedeln können.
Doch diese Entwicklung beginnt zu kippen. Während die Zahl der Neuansiedlungen über die Untersuchungszeiträume ungefähr stabil blieb, nahmen die lokalen Verluste zu. Bei der jüngsten Erhebung hielten sich Neuansiedlungen und lokale Verluste ungefähr die Waage.
Die Studie zeigt damit keinen flächendeckenden Zusammenbruch der europäischen Hochgebirgsflora. Sie dokumentiert aber einen Wandel, der längst im Gang ist: Pflanzen aus tieferen Lagen breiten sich nach oben aus, während typische Hochgebirgspflanzen an Boden verlieren. Ein Gipfel kann dadurch vorübergehend sogar artenreicher werden und gleichzeitig einen Teil seiner charakteristischen Pflanzenwelt verlieren.

