Die Via delle Vose verbindet Loco im Onsernonetal mit Intragna im Centovalli. Die historische Route führt durch Wälder, vorbei an alten Terrassen und kleinen Weilern. Wir haben die abwechslungsreiche Wanderung Anfang Mai gemacht, als die Kastanienwälder langsam wieder grün wurden und das Tal noch angenehm ruhig war.
Über Jahrhunderte war der steile Weg weit mehr als nur ein Fussweg durchs Tal. Im 18. und 19. Jahrhundert transportierten Frauen aus dem Onsernonetal hier schwere Strohbündel sowie kunstvoll gefertigte Strohhüte und Bordüren Richtung Intragna. Von dort gelangten die Waren weiter nach Italien und Frankreich, wo sie in der damaligen Modewelt gefragt waren.
Durch Kastanienwälder Richtung Isorno
Die 6 km lange Wanderung beginnt im Dorf Loco. Kurz nach der Bushaltestelle Loco, Paese führt der gut markierte Weg hinaus aus dem Dorf und taucht rasch in einen wildromantischen Wald aus Birken, Kastanien- und Buchenbäumen ein. Bereits nach wenigen Minuten passiert man die erste kleine Kapelle. Sie bleibt nicht die einzige: Entlang der gesamten Via delle Vose stehen immer wieder kleine Kirchen, Kapellen und Bildstöcke am Wegrand, die an die lange Geschichte dieser alten Route erinnern.

Der Weg verläuft grösstenteils auf alten Steinplatten und historischen Treppenstufen. Vieles wirkt noch erstaunlich ursprünglich. Zwischen moosbedeckten Mauern, Farnen und Kastanienbäumen bekommt die Wanderung stellenweise fast etwas Verwunschenes. Gleichzeitig erinnert die aufwendig angelegte Wegführung daran, wie intensiv diese Verbindung früher genutzt wurde.
Bevor wir in die wilde Schlucht des Isorno absteigen, werfen wir nochmals einen Blick zurück auf das kleine Bergdorf Loco, das hoch über dem Tal liegt.

Alte Mauern und vergessene Terrassen
Kurze Zeit später taucht zwischen Ästen und Baumkronen plötzlich eine moderne Holzbrücke über dem Fluss auf. Die geschwungene Konstruktion bildet einen spannenden Kontrast zur historischen Umgebung und wurde 2016 nach Plänen des Bündner Ingenieurs Christian Menn realisiert.

Nach der Brücke steigt der Weg auf der gegenüberliegenden Talseite wieder an. Unterwegs fallen immer wieder alte Schutzbauten, Mauern, und ehemalige Terrassen auf, die heute langsam vom Wald zurückerobert werden. Sie zeigen, wie intensiv die steilen Hänge früher genutzt wurden.



Der Weg hinunter ins Centovalli
Nach rund einer halben Stunde erreicht man den kleinen Weiler Vosa, nach dem die historische Route benannt wurde. Zwischen Kastanienbäumen und alten Steinhäusern wirkt die Zeit fast stehen geblieben. Danach geht es weiter nach Pila, von wo man einen ersten grossartigen Blick auf den Zielort Intragna mit dem markanten Kirchturm geniessen kann.


Der letzte Teil der Wanderung auf dem historischen Saumweg führt über Stufen hinunter nach Intragna. Historisch war der Ort einer der wichtigsten Übergangspunkte zwischen Centovalli, Onsernonetal und der Region Locarno. Besonders prägend ist die Kirche San Gottardo mit ihrem 65 Meter hohen Campanile. Der zwischen 1765 und 1775 erbaute Turm ist bis heute der höchste Kirchturm im Tessin und gilt als Wahrzeichen des Centovalli.


Wer die Wanderung kulinarisch ausklingen lassen möchte, findet im kleinen Dorfladen «avanti avanti da ursula» lokale Spezialitäten, Bioprodukte und das hervorragende Gasparini-Glace, das zu meinen absoluten Favoriten gehört. Ich musste mich allerdings etwas gedulden, bevor ich es geniessen konnte, weil sich Celina noch mit haufenweise Polenta, Risotto und Pasta eingedeckt hat.
Wer etwas mehr als nur ein Glace möchte, dem empfehle ich das mit 14 Gault-Millau-Punkten ausgezeichnete Ristorante Stazione. Wir haben dort bereits zwei Tage zuvor nach unserer Wanderung von Camedo nach Intragna einen feinen Kräutersalat mit Formaggino genossen. Gerade an warmen Frühlingstagen ist das ein perfekter Abschluss einer Wanderung.
- Anfahrt: Loco ist ab Locarno oder ab Intragna mit dem Postauto erreichbar
- Einkehr/Unterkunft: Caffè della Posta, Loco; Hotel Antico & Ristorante Stazione, Intragna
- Gehzeit: ca. 2 Stunden
- Schwierigkeit: T2
- Auf-/Abstieg: 283 m / 606 m
- Karte: 1:50’000 Wanderkarte 276T Val Verzasca
- Beste Jahreszeit: Mai – Okt

Fazit
Die Via delle Vose gehört nicht zu den spektakulärsten Wanderungen im Tessin. Gerade das macht aber ihren Reiz aus. Statt Aussichtsgipfeln und grossen Inszenierungen erlebt man hier alte Steinwege, stille Kastanienwälder und viel Geschichte auf engem Raum. Die Route wirkt an vielen Stellen erstaunlich ursprünglich und vermittelt noch heute eine Ahnung davon, wie wichtig diese Verbindung zwischen Onsernonetal und Centovalli einst war.

