Das Wildkirchli im Alpstein hat nicht nur Wanderern, sondern auch Archäologen viel zu bieten. Am 11. und 12. November 2024 führten Forscher der Universitäten Zürich und Heidelberg unter der Leitung von Fabio Wegmüller geophysikalische Messungen in den Höhlen durch. Ziel ist es, das archäologische Potential dieser jahrtausendealten Stätte ohne erneute Grabungen zu bewerten.
Das Wildkirchli ist eine der bekanntesten Höhlenstätten der Schweiz und besteht aus drei hintereinanderliegenden Kammern, die auf etwa 1500 Metern Höhe liegen. Die Höhlen befinden sich zwischen der Ebenalp und dem weltbekannten Berggasthaus Aescher und sind über einen schmalen Pfad erreichbar. Besonders bekannt ist das Wildkirchli für die historische Einsiedelei und die Kapelle, die direkt in den Fels gebaut wurden und jährlich zahlreiche Besucher anziehen.

Auf den Spuren von Emil Bächler
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlangte das Wildkirchli durch den St.Galler Naturforscher Emil Bächler internationale Berühmtheit. Bei seinen Ausgrabungen entdeckte er Überreste von Neandertalern sowie zahllose Knochen von Eiszeittieren wie dem Höhlenbären. Diese Funde lieferten wichtige Erkenntnisse über die Lebensweise unserer Vorfahren und die Tierwelt der letzten Eiszeit. Seit den letzten Ausgrabungen in den 1960er Jahren ruhten die Forschungen jedoch.

Zerstörungsfreie Untersuchungen mit moderner Technik
Nun setzen die Forscher auf moderne geophysikalische Verfahren, um die Höhlen erneut zu erkunden – ohne den Boden aufzugraben. Fabio Wegmüller erklärt: «Die mittelpaläolithische Epoche und das Leben der Neandertaler stehen heute wieder im Fokus der Forschung.» Geoelektrische Messungen ermöglichen es, die tieferen Schichten der Höhlen zu kartieren und die früheren Grabungsstellen von Emil Bächler präzise zu lokalisieren. Dies könnte wichtige Hinweise auf bilang untentdeckte Funde liefern

Geowissenschaftler Bertil Mächtle von der Universität Heidelberg ergänzt: «Die Messungen helfen uns, das verbliebene archäologische Potential zu beurteilen. Die neuen Daten geben uns ein klareres Bild davon, welche Bereiche der Höhle noch unberührt sind.»
Chancen für neue archäozoologische Entdeckungen
Die Forscher hoffen auch auf neue archäozoologische Erkenntnisse. Martina Pacher vom Naturmuseum St.Gallen erklärt: «Frisch entdeckte Knochen könnten uns durch genetische Analysen und präzisere Datierungen weitere Einblicke in die Fauna der Eiszeit liefern.» Besonders spannend wäre der Fund von Knochen mit Spuren menschlicher Bearbeitung, die mehr über das Leben der eiszeitlichen Bewohner verraten könnten.
Die bisherigen geophysikalischen Untersuchungen stossen bei der Wildkirchlistiftung und dem Kanton Appenzell Innerrhoden auf breite Unterstützung. Gemeinsam mit dem Kulturmuseum und dem Naturmuseum St.Gallen planen die Archäologen nun, wie weitere Forschungen in der Wildkirchli-Höhle erfolgen könnten.
Über die Wildkirchli-Höhlen

Entstehung: Die Wildkirchli-Höhlen im Alpstein entstanden vor rund 15’000 Jahren während der letzten Eiszeit. Das Schmelzwasser hat im Laufe der Jahrtausende das Kalkgestein ausgewaschen und so die beeindruckenden Höhlenstrukturen geschaffen.
Früheste Besiedlung: Archäologische Funde deuten darauf hin, dass die Höhlen bereits vor etwa 40’000 Jahren von frühen Menschen genutzt wurden. Besonders die Neandertaler nutzten die Höhlen als Schutzraum und Jagdlager.
Archäologische Funde: Neben den berühmten Höhlenbärenknochen wurden auch Werkzeuge aus Stein, Feuerstellen sowie bearbeitete Knochen gefunden, die auf die Anwesenheit von Menschen während der Eiszeit hindeuten.
Name «Wildkirchli»: Der Name leitet sich vom Wort «wild» für «abgelegen» ab und dem schweizerdeutschen «Kirchli» für «Kapelle». Die Bezeichnung spielt auf die abgeschiedene Lage und die spirituelle Bedeutung des Ortes an.
Erreichbarkeit: Die Wildkirchli-Höhlen sind entweder zu Fuss ab Wasserauen oder bequem mit der Ebenalpbahn erreichbar. Die Luftseilbahn bringt Besucher in wenigen Minuten von Wasserauen auf die Ebenalp, von wo aus ein kurzer Wanderweg zu den Höhlen führt.


