Auf den ersten Blick wirken Gletschervorfelder wie lebensfeindliche Steinwüsten – doch hier beginnt ein faszinierender Prozess: die Primärsukzession. Auf Moränen und Schutthalden entwickeln sich Schritt für Schritt spezialisierte Lebensgemeinschaften. Diese dynamischen Ökosysteme sind im Alpenraum einzigartig und ökologisch besonders wertvoll.
Seit dem Höhepunkt der Kleinen Eiszeit um 1850, als die Gletscher ihre grösste Ausdehnung der Neuzeit erreichten, haben die Schweizer Gletscher rund 1560 km² Eisfläche verloren. Etwa 122 km² dieser Fläche sind heute Gletschervorfelder, von denen 70 als alpine Auengebiete von nationaler Bedeutung geschützt sind. Sie sind Hotspots der Biodiversität, Rückzugsräume für spezialisierte Arten und Freilandlabore der Natur.
Die vier bekanntesten Vorfelder der Schweiz
Gletschervorfelder sind die Flächen, die nach dem Rückzug eines Gletschers freigelegt werden – sie umfassen das Gebiet vor der aktuellen Gletscherzunge sowie die vom Gletscher abgelagerten Moränen und Schwemmkegel.

In der Schweiz gibt es vor allen grossen Alpengletschern solche Vorfelder. Vier prominente Beispiele zeigen, wie vielfältig diese Lebensräume sind:
Grosser Aletschgletscher (Wallis)

Auf 1600 bis 2500 m ü. M. liegt das weitläufige Vorfeld im UNESCO-Welterbe Jungfrau-Aletsch, teils geprägt vom geschützten Aletschwald. Oben dominieren noch Schutthalden und Pioniervegetation, während in tieferen Lagen bereits lichte Lärchen-Arven-Wälder entstehen. Bemerkenswert ist die Mischung kalkliebender Pflanzen auf kristallinem Gestein, ermöglicht durch das kalkhaltige Gletschergeschiebe.
Morteratschgletscher (Graubünden)

Im Val Morteratsch bei Pontresina dokumentiert ein Lehrpfad die Phasen der Sukzession – die natürliche Abfolge, in der sich an einem Standort nach und nach Pflanzen- und Tiergemeinschaften etablieren. Flächen, die um 1900 noch vom Eis bedeckt waren, sind heute von Pionierpflanzen, Sträuchern, Lärchen und Arven bewachsen. Ein geschlossener Wald ist auch nach 150 Jahren noch nicht entstanden.
Rhonegletscher (Wallis/Uri)

Bekannt für seine Eisgrotte bei der Furka, beeindruckt das Vorfeld der Rhonegletschers auf 2200 m ü. M. mit Moränenwällen, einem Gletschersee und einer Forschungstradition, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht.
Triftgletscher (Bern)

Hier entstand um das Jahr 2000 der Triftsee. Das Vorfeld erstreckt sich von 2300 bis 1300 m ü. M. und beherbergt spezialisierte Pflanzen und Tiere. Gleichzeitig ist die Region Schauplatz der Debatte um ein geplantes Speicherkraftwerk. Das 2023 angepasste Naturschutzgesetz erlaubt in Ausnahmefällen solche Projekte in neuen Vorfeldern.
Primärsukzession: Lehrbuch der Natur
Die Entwicklung von Leben auf frisch freigelegtem Schutt ist ein Paradebeispiel für die sogenannte Primärsukzession – also die erste Besiedlung von zuvor völlig unbelebten Flächen durch Pionierorganismen.
Schon wenige Jahre nach der Eisfreigabe besiedeln Mikroorganismen, Algen, Flechten und Moose den mineralischen Untergrund. Sie stabilisieren ihn, reichern ihn mit organischem Material an und bereiten so den Weg für Gefässpflanzen.

Bereits nach fünf bis zehn Jahren erscheinen erste Pflanzen wie das rosa blühende Fleischers Weidenröschen. Nach etwa sieben Jahren etablieren sich einzelne Exemplare, nach 20 Jahren bilden sie geschlossene Bestände. Parallel wächst die kurzlebige Oxyria-Vegetation (Alpen-Säuerling), die nach einigen Jahrzehnten wieder verschwindet.

Nach 15 Jahren erscheinen erste Lärchen, nach 30 Jahren Arven. Diese konkurrenzfähige Pionierbaumart gedeiht auch auf nährstoffarmen Böden. Ein dichter Wald braucht jedoch Jahrzehnte bis Jahrhunderte.

Die Entwicklung verläuft nicht linear: Kleinräumige Unterschiede sorgen für ein Mosaik verschiedener Sukzessionsstadien nebeneinander. Forscher sprechen daher von mehreren parallelen Sukzessionspfaden statt einer starren Abfolge.
Flora: Farbenpracht und Raritäten
Gletschervorfelder sind geprägt von extrem angepassten Pflanzen. Typische Arten sind neben Weideröschen, Alpen-Leinkraut, bewimperter Steinbrech, Alpen-Wundklee, Edelraute und Mauerpfeffer.

Besonders bemerkenswert sind die kalkliebende Silberwurz im Aletsch-Vorfeld, die direkt neben typischen Silikatarten wächst, sowie das seltene Kerners Läusekraut in Graubünden, ein Endemit der südöstlichen Alpen.

Fauna: Nach den Pflanzen folgen die Tiere
Bereits wenige Jahre nach der Eisfreigabe erscheinen auf Gletschervorfeldern Fliegen, Spinnen, Tigerschneider und Laufkäfer. Später folgen Bestäuber wie Wildbienen, Alpen-Widderchen und Schmetterlinge.

In den Bächen und Tümpeln leben Wasserinsekten wie die Köcherfliegenlarve Stactobia moselyi (stark gefährdet), Wasserkäfer, Wasserwanzen und die Quelljungfer, eine Libelle, von der es etwa 50 verschiedene Arten gibt. Grasfrösche nutzen die flachen Gewässer zudem zum Laichen.
Auch Vögel wie Alpenpieper und Wasseramseln besiedeln die Vorfelder, sobald erste Gehölze wachsen.

Biodiversität: Rückzugsräume im Klimawandel
Gletschervorfelder bieten konkurrenzarmen Raum für Arten, die in etablierten Wäldern keine Chance hätten. Mit der Klimaerwärmung gewinnen sie zusätzlich an Bedeutung, weil Pflanzen und Tiere aus tieferen Lagen hier neue Habitate finden. Der Tannenhäher spielt dabei eine wichtige Rolle, indem er Arvensamen im Schutt versteckt und so die Wiederbewaldung fördert.

Schutz fragiler Systeme
So dynamisch die Vorfelder sind, so fragil bleiben sie. Ohne Gletscher versiegt langfristig der Nachschub an Schutt und Wasser, die typische Dynamik erlahmt. Tourismus, Alpwirtschaft, Pflanzensammler und Energieprojekte gefährden die empfindlichen Ökosysteme zusätzlich. Umso wichtiger sind Besucherlenkung durch markierte Wege, Infotafeln, zurückhaltende Weidenutzung und provisorische Schutzmassnahmen des BAFU für neu entstehende Flächen.

Langzeitbeobachtungen im Freiluftlabor
Bereits im 19. Jahrhundert wurde die Vegetation der Gletschervorfelder in der Schweiz dokumentiert. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts kamen erste systematische Studien dazu. Heute tragen Programme wie GLAMOS (Glacier Monitoring Switzerland), EnviDat (Umwelt-Datenplattform) und NELAK (Neue Alpenkarseen) in Zusammenarbeit mit WSL, SLF und Universitäten zum Wissen über diese Lebensräume bei.
Quellen: Jungfrau-Aletsch-Welterbe, Universität Zürich, WSL/SLF, BAFU, GLAMOS, EnviDat, NELAK, swissnature.org, de.wikipedia.org, lukasdenzler.ch, Aqua Viva, Pro Natura

