Zuletzt aktualisiert am 27. Dezember 2025 |
Naturgefahren in den Alpen wie Steinschlag, Murgang, Fels- oder Bergsturz betreffen nicht nur extreme Routen. Wer im Gebirge unterwegs ist, sollte wissen, was sich hinter diesen Begriffen verbirgt – und wie man sich im Ernstfall richtig verhält.
Nicht jeder Stein, der sich löst, ist ein Fall für die Schlagzeilen. Von Steinschlag spricht man, wenn kleinere Brocken – meist unter 50 Zentimetern – zu Tal donnern. Bei grösseren spricht man von Blockschlag. Stürzt ein Felsband mit über 100 Kubikmetern ab, handelt es sich um einen Felssturz – das entspricht etwa 500 Badewannen voller Gestein. Ab einem Volumen von einer Million Kubikmetern spricht man von einem Bergsturz. Zur Einordnung: Das entspricht ungefähr dem Volumen von 1000 Einfamilienhäusern oder 400 olympischen Schwimmbecken.

Murgänge gehören zu den dynamischsten Naturgefahren im Alpenraum. Sie bestehen aus einer Mischung aus Wasser, Geröll und Holz und entstehen meist nach intensiven Regenfällen oder rascher Schneeschmelze. Murgänge bewegen sich schnell – oft mit mehr als 50 km/h – und folgen typischerweise bestehenden Gerinnen, die bei früheren Ereignissen entstanden sind. Wo viel loses Material lagert, steigt das Risiko.
Wie gefährlich sind solche Ereignisse?
Die Gefahren unterscheiden sich deutlich. Steinschläge sind lokal, aber gerade auf schmalen Bergwegen hochriskant. Fels- und Bergstürze entwickeln eine zerstörerische Wucht, die ganze Landschaften verändern kann – wie etwa beim Bergsturz am Piz Scerscen im April 2024. Etwa acht bis neun Millionen Kubikmeter Gestein stürzten dort talwärts, vermutlich ausgelöst durch instabilen Permafrost.

Ein besonders eindrückliches Beispiel für eine kombinierte Naturgefahr ereignete sich Ende Mai 2025 oberhalb von Blatten im Lötschental: Ein Felssturz am Kleinen Nesthorn löste einen Gletscherabbruch des Birchgletschers aus. Insgesamt bewegten sich rund 3,5 Millionen Kubikmeter Fels und über 6 Millionen Kubikmeter Eis ins Tal – insgesamt also fast zehn Millionen Kubikmeter Material – oder 10’000 Einfamilienhäuser.

Die Ablagerungen verschütteten weite Teile des Dorfs und stauten die Lonza zu einem temporären See. Eine sekundäre Flutwelle blieb glücklicherweise aus – dennoch war der Vorfall eines der grössten kombinierten Ereignisse dieser Art in der Schweiz.
Was bringt das Ganze ins Rutschen?
Die Ursachen reichen von Starkregen, Frost-Tau-Zyklen, Erosion bis hin zu tektonischen Spannungen. Auch einzelne Tiere oder unachtsame Wanderer können kleinere Steine lostreten. Besonders kritisch wird es im Hochgebirge, wenn der Permafrost antaut. Dieser gefrorene Untergrund wirkt wie ein Klebstoff im Fels – fällt er weg, wird der Hang instabil. Der Klimawandel beschleunigt diesen Prozess in höheren Lagen deutlich.
Warum gibt es kein «Felssturz-Bulletin»?
Im Gegensatz zu Lawinen, die sich grossflächig prognostizieren lassen, sind Fels- und Bergstürze stark lokalisiert. Zwei benachbarte Hänge können völlig unterschiedlich stabil sein. Ein tagesaktuelles Bulletin ist deshalb kaum realisierbar. Fachleute arbeiten mit Satellitenbildern, Laserscans und GPS-Überwachung – aber flächendeckend ist das nicht. Einen Überblick über bekannte Gefahrenzonen bietet naturgefahren.ch.

Was Wanderer wissen sollten
Für den Alltag auf Wanderwegen gilt: Die Wahrscheinlichkeit, durch Naturgefahren verletzt zu werden, ist gering. Trotzdem lohnt sich ein geschulter Blick. Frische Steinschläge, Risse im Boden, bröckelnde Hangabschnitte – all das sind Hinweise. Bei starken Regenfällen oder Schneeschmelze sollte man exponierte Stellen meiden. Und in Geröllfeldern lohnt ein Blick nach oben – denn Wildtiere wie Gämsen können ungewollt Steine lostreten.

Ich habe selbst schon schmerzlich erfahren, wie schnell ein Steinschlag durch Wildtiere ausgelöst werden kann. Es war vor ein paar Jahren im Frühling, auf einer Bergtour unterhalb einer etwa 50 Meter langen Rinne, die ich hochsteigen wollte. Das Gebiet ist bekannt dafür, dass es gelegentlich zu Steinschlag kommt. Die Rinne war schneefrei, ich trug einen Helm und beobachtete die Gegend rund 15 Minuten lang, um sicherzugehen, dass sich keine Gämsen oder andere Tiere oberhalb befanden. Ich sah und hörte nichts – also begann ich mit dem Aufstieg.
Wenige Minuten später schlugen über mir plötzlich Steine an die Felswand. Als ich hochblickte, sah ich mehrere faustgrosse Brocken auf mich zufliegen. Meinen Oberkörper konnte ich noch zur Seite drehen, mein rechtes Knie aber wurde von einem Stein getroffen – damit war die Tour vorbei. Die Gämse, die den Steinschlag vermutlich ausgelöst hatte, sah ich noch kurz von hinten.
Was tun bei Steinschlag oder instabilem Gelände?
- Nie in Rinnen unter Felswänden rasten.
- Warnzeichen ernst nehmen: Frische EInschläge, Risse, Geräusche
- Exponierte Passagen zügig durchqueren – nicht aufhalten.
- Bei Regen oder Tauwetter sichere Alternativrouten wählen.
- In Geröllfeldern: Blick nach oben – Wildtiere können Steinschläge auslösen.
- Vor Touren informieren: z. B. via naturgefahren.ch oder lokale Stellen wie Hütten, Bergbahnen oder Gemeinden.
Hast du selbst schon Naturgefahren in den Bergen erlebt? Teile deine Erfahrungen in den Kommentaren.

