Das Referendum gegen die vom Schweizer Parlament im Eilzugstempo durchgepeitschte Solaroffensive ist Anfang Januar gescheitert. Damit ist der Weg frei für alpine Photovoltaik-Grossanlagen. Was bedeutet das für unsere Bergwelt?

Der Ukraine-Krieg hat uns schmerzlich vor Augen geführt, dass Energie ein kostbares Gut ist. Insbesondere, weil im Winter ein grosser Teil der benötigten Energieträger (noch) importiert werden muss. Um Strommangellagen zu verhindern, soll deshalb künftig mehr Strom im Inland produziert werden – und dies vor allem mit erneuerbaren Energien. Das ist grundsätzlich eine gute Idee.

Allerdings ist diese Idee nicht neu und man hätte bereits vor Jahrzehnten damit beginnen können, den Ausbau der Erneuerbaren zu forcieren. Doch passiert ist in dieser Zeit leider viel zu wenig. Mit dem Beginn des Ukraine-Kriegs ist nun aber (unfreiwillig) Bewegung in die Sache gekommen und deshalb soll es jetzt schnell gehen. Sehr schnell. So schnell, dass man dafür sogar unberührte alpine Landschaften opfert.

«Gewaltiges Eigentor»

Die Schweiz stehe kurz davor, ein gewaltiges Eigentor zu schiessen und ihre letzten alpinen Freiräume überstürzt für die Stromproduktion preiszugeben, erklärte Mountain Wilderness Schweiz bereits im vergangenen September, nachdem der Ständerat eine entsprechende Gesetzesvorlage durchgewinkt hat. Treffer, könnte man sagen. Denn nach dem gescheiterten Referendum gegen das Gesetz Anfang Januar wird es künftig erlaubt sein, alpine Freiflächen-Photovoltaikanlagen ohne grosse bürokratische Hürden in die letzten unberührten Berglandschaften zu bauen – und sogar in Naturschutzgebiete.

Wie eine solche Anlage aussehen könnte, zeigt eine Visualisierung der IG-Saflischtal, die sich gegen die Grossanlage «Grengiols Solar» wehrt, die im Kanton Wallis auf der Alp Furggen auf 2500 m über Meer geplant ist.

Visualisierung einer geplanten alpinen Photovoltaik-Grossanlage im Wallis

Noch steht die Anlage nicht. Doch im vergangenen November wurde bereits eine Testanlage installiert, um Daten für die Grossanlage zu sammeln.

Unzählige Lastwagen und Helikopter?

Das Beispiel aus dem Wallis zeigt deutlich, dass dieses Gesetz nicht einfach nur zur Folge hat, dass künftig ein paar zusätzliche Solarpanels in den Bergen herumstehen. Nein, es können Anlagen gebaut werden, die mehrere Quadratkilometer gross sind. Um diese zu errichten sind schweres Werkzeug und Maschinen notwendig, die irgendwie in die abgelegenen Berggebiete kommen müssen. Und wie kommen die dorthin? Werden Zufahrtsstrassen gebaut und/oder werden unzählige Helikopterflüge dafür notwendig sein? Und was ist, wenn bei solchen Anlagen Wartungs- und Reparaturarbeiten anstehen? Wie kommen die Arbeiter zu den Anlagen? Ich glaube nicht, dass dafür jeweils mehrstündige Fussmärsche geplant sind und Werkzeuge und Ersatzteile im Rucksack transportiert werden.

Aber eigentlich ist es egal, ob es Lastwagen, Bagger oder Helikopter sein werden – sie alle schaden schlussendlich der gesamten Flora und Fauna in unseren Bergen nachhaltig. Dass dieser Schaden ausgerechnet mit dem Ausbau der nachhaltigen Energiegewinnung verursacht wird, entbehrt leider nicht einer gewissen Ironie …

Warum zuerst die Berge?

Keine Frage: Wir müssen bei der Energieversorgung eigenständiger und nachhaltiger werden – und dazu gehört auch der Ausbau der Solarenergie. Nicht zuletzt, weil die Sonneneinstrahlung hoch oben in den Bergen bekanntlich besser ist als im Flachland. Ich bin daher auch nicht grundsätzlich gegen den Bau von neuen Anlagen in den Bergen. Aber weshalb werden nicht zuerst sämtliche geeigneten Freiflächen in urbanen Regionen oder in bereits verbauten Bergregionen dafür genutzt?

Diese Frage hat sich auch die bekannte Umweltschützerin Vera Weber gestellt. Die Präsidentin der Fondation Franz Weber hat deshalb Widerstand gegen die geplanten Solarparks in den Alpen angekündigt. Auch, weil das Gesetz im Widerspruch zum Raumplanungs- und zum Naturschutzgesetz stehe. «Anstatt das Kulturerbe zu zerstören, sollten zunächst Energie gespart und die bestehenden Gebäude mit Photovoltaikanlagen überdacht werden», sagte sie in einem Interview mit «Le Matin Dimanche». Ich bin nicht immer mit den Positionen von Frau Weber einverstanden, aber in diesem Fall bin ich voll und ganz ihrer Meinung.

Kritik kommt auch von diversen Staatsrechtlern. Ihrer Ansicht nach verstösst das Gesetz gleich in mehreren Punkten gegen die Verfassung. Der absolute Vorrang, den das Parlament dem Bau von Solaranlagen gegenüber anderen Aspekten wie dem Naturschutz einräumt, sei verfassungswidrig, heisst es etwa.

Und zum Schluss …

Oft argumentieren die Befürworter des Eilzug-Gesetzes ja damit, dass eine sichere Stromversorgung wichtig für unsere Wirtschaft ist. Das ist natürlich absolut richtig. Aber in unserem Alpenland ist auch der Bergtourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Im Kanton Graubünden beispielsweise sind rund 30 Prozent der Erwerbstätigen direkt oder indirekt vom Tourismus abhängig, ebenso im Oberwallis. Und die Mehrzahl dieser Touristen kommt nicht in die Schweiz, um sich riesige Solarparks in den Bergen anzuschauen.

Was hältst du von der Schweizer Solaroffensive in den Alpen? Schreib deine Meinung in die Kommentarspalte!


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