Das Matterhorn ist eines der bekanntesten Wahrzeichen der Schweiz. Doch geologisch betrachtet ist der 4478 Meter hohe Berg alles andere als typisch schweizerisch: Seine Gipfelgesteine stammen vom ehemaligen afrikanischen Kontinentalrand, darunter liegen Überreste eines längst verschwundenen Ozeans. Wie ist diese ungewöhnliche Kombination entstanden, und weshalb hat das Matterhorn seine markante Pyramidenform?

Seit November 2026 gehört das Matterhorn zu den weltweit bedeutendsten Stätten des geologischen Erbes. Die Internationale Union der Geowissenschaften (IUGS) hat den Berg in ihre Liste der «Geological Heritage Sites» aufgenommen. Die Auszeichnung würdigt seine aussergewöhnliche geologische Geschichte, die vor Hunderten Millionen Jahren begann, als weder die Alpen noch das Mittelmeer in ihrer heutigen Form existierten.

Als zwischen Europa und Afrika ein Ozean lag

Vor rund 200 Millionen Jahren erstreckte sich zwischen den heutigen Gebieten von Europa und Afrika ein flaches Meer. Auf seinem Grund lagerten sich Sand, Ton und Kalk ab. Im Verlauf der Jurazeit bewegten sich die Kontinentalplatten auseinander, und aus dem Meeresgebiet entstand ein grosser Ozean: die Tethys.

Am Meeresboden bildete sich neue ozeanische Erdkruste. Unterseeische Vulkane förderten Lava, die beim Kontakt mit dem Wasser rasch erstarrte. Dabei entstanden unter anderem sogenannte Kissenlaven, deren rundliche Formen noch heute als Hinweise auf untermeerische Vulkanausbrüche dienen.

Vor etwa 140 Millionen Jahren erreichte die Entfernung zwischen den heutigen Gebieten von Basel und Lugano ungefähr 1000 Kilometer. Heute sind es nur noch rund 250 Kilometer Luftlinie. Doch mit der Öffnung des Südatlantiks änderte sich die Bewegung der afrikanischen Platte. Die Kontinente näherten sich wieder an, und die ozeanische Erdkruste wurde zunehmend in die Tiefe gedrückt. Geologen bezeichnen diesen Vorgang als Subduktion.

Wie ein Stück Afrika auf das Matterhorn gelangte

Während sich die Kontinente wieder annäherten, wurde die ozeanische Erdkruste über Millionen von Jahren in die Tiefe gedrückt. Vor rund 40 Millionen Jahren stiessen schliesslich die kontinentalen Bereiche zusammen. Dabei wurden riesige Gesteinspakete übereinandergeschoben, gefaltet und teilweise über grosse Entfernungen transportiert. Diese sogenannten tektonischen Decken bilden einen wesentlichen Teil des inneren Aufbaus der Alpen.

Grafik über die Entstehung der Alpen
Grafik: bergewelt.me

Das Matterhorn gehört zur Dent-Blanche-Decke, deren Gesteine aus dem ehemaligen adriatischen Kontinentalbereich stammen, der geologisch mit Afrika verbunden war. Sie wurden während der Alpenbildung über Gesteine des Tethys-Ozeans geschoben.

Die Grenze zwischen der Dent-Blanche-Decke und den darunterliegenden Gesteinseinheiten verläuft am Hörnligrat ungefähr auf 3400 Metern über Meer. Unterhalb dieser Überschiebungsfläche folgen mehrere geologische Einheiten, darunter Überreste des ehemaligen Ozeanbodens. In grösserer Tiefe liegen Gesteine europäischen Ursprungs.

Vereinfacht gesagt: Am Matterhorn liegt Afrika über einem verschwundenen Ozean, und darunter befindet sich Europa.

Was die Gesteine über den Berg verraten

Innerhalb der Dent-Blanche-Decke unterscheiden Geologen zwei wichtige Gesteinseinheiten. Im unteren Teil liegt die sogenannte Arolla-Serie. Sie besteht überwiegend aus ursprünglich magmatischen Gesteinen, die durch Druck und Temperatur verändert wurden.

Darüber folgt die Valpelline-Serie, die den Gipfelbereich des Matterhorns bildet. Sie enthält unter anderem Gneise, Amphibolite und Marmore. Diese Gesteine stammen ursprünglich aus tieferen Bereichen der kontinentalen Erdkruste.

Unterhalb der Dent-Blanche-Decke folgt die Combin-Zone, die verschiedene Gesteinseinheiten umfasst. Dazu gehören vor allem umgewandelte Sedimentgesteine, die ursprünglich im Bereich des Tethys-Ozeans abgelagert wurden. Darunter befindet sich die Zermatt-Saas-Zone mit Serpentiniten, Gabbros und umgewandelten Basalten. Diese Gesteine sind Überreste der einstigen ozeanischen Erdkruste.

Der geologische Aufbau des Matterhorns lässt sich damit in mehrere übereinanderliegende Einheiten gliedern. Die folgende Grafik zeigt diese Abfolge in einem vereinfachten Querschnitt.

Grafik über den geologischen Aufbau des Matterhorns
Grafik: bergwelt.me

Die Besonderheit des Matterhorns liegt weniger in einzelnen Gesteinsarten als in ihrer räumlichen Anordnung. Auf vergleichsweise engem Raum lässt sich nachvollziehen, wie Gesteine unterschiedlicher Herkunft während der Alpenbildung übereinandergeschoben und verformt wurden.

Warum das Matterhorn eine Pyramide ist

Die Kollision der Kontinentalplatten erklärt den inneren Aufbau des Matterhorns, nicht aber seine charakteristische Gestalt. Die steilen Wände und scharfen Grate entstanden wesentlich später durch Wasser, Eis und Frost, insbesondere während der Eiszeiten der vergangenen rund zwei Millionen Jahre.

Damals bedeckten mächtige Gletscher grosse Teile der Alpen. Sie bewegten sich langsam talwärts und trugen dabei gewaltige Mengen Gestein ab. Rund um das Matterhorn gruben sie sich von verschiedenen Seiten in das Gebirge ein und formten steile Felswände. Wo solche Erosionsprozesse aufeinandertreffen, können scharfe Grate und pyramidenförmige Gipfel entstehen.

Das schneebedeckte Matterhorn

Auch die unterschiedlichen Eigenschaften der Gesteine spielten eine Rolle. Manche widerstehen der Verwitterung besser als andere. Dadurch werden bestimmte Partien stärker abgetragen, während widerstandsfähigere Bereiche erhalten bleiben.

Das Matterhorn ist ein besonders eindrückliches Beispiel für eine solche glaziale Hornbildung. Seine berühmte Silhouette verdankt es also nicht allein den gewaltigen Kräften im Erdinnern, sondern vor allem der späteren Arbeit der Gletscher.

Ein Berg, der sich weiterhin verändert

Auch heute ist die Entwicklung des Matterhorns nicht abgeschlossen. Wasser dringt in Gesteinsklüfte ein, gefriert und taut wieder auf. Temperaturwechsel beanspruchen die Felsoberflächen, und durch Verwitterung lösen sich immer wieder Gesteinsstücke.

Steinschläge und Felsstürze gehören deshalb zu den natürlichen Prozessen, die den Berg weiterhin verändern. Gleichzeitig legt der Rückgang der Gletscher Felsflächen frei, die zuvor teilweise vom Eis bedeckt waren.

Das Matterhorn ist somit kein fertiges Denkmal der Erdgeschichte, sondern Teil einer Landschaft, die sich laufend weiterentwickelt. Seine Aufnahme in die Liste der weltweit bedeutendsten geologischen Stätten würdigt deshalb weit mehr als die Schönheit eines berühmten Berges.


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