Zuletzt aktualisiert am 03. Dezember 2025 |
Die Alpen sind um eine Erfolgsgeschichte reicher: 2025 sind in der Schweiz 26 junge Bartgeier ausgeflogen, so viele wie noch nie seit Beginn des Wiederansiedlungsprojekts. Besonders erfreulich ist, dass erstmals auch im Kanton St.Gallen eine Brut gelang. Damit sind die imposanten Greifvögel nun in fünf Kantonen vertreten: Graubünden, Wallis, Bern, Tessin und St.Gallen.
Die Stiftung Pro Bartgeier spricht von einem Meilenstein. 16 der Jungvögel stammen aus Graubünden, sieben aus dem Wallis, einer aus dem Tessin, einer aus Bern und einer aus der Ostschweiz. Die Ausbreitung in neue Regionen zeigt, dass die Population wächst und die Alpen genügend Lebensraum bieten.
Leben zwischen Fels und Himmel
Bartgeier gehören zu den grössten Vögeln Europas. Ihre Spannweite beträgt bis zu 2,9 Meter, das Gewicht liegt meist zwischen fünf und sieben Kilogramm. Sie leben in hochalpinen Regionen und brüten mitten im Winter, meist im Januar oder Februar, in abgelegenen Felswänden. Das Gelege umfasst ein bis zwei Eier, doch in der Regel wird nur ein Küken erfolgreich grossgezogen. Dieses bleibt bis zu vier Monate im Horst und wird auch danach noch mehrere Wochen von den Eltern versorgt.
Bartgeier leben in dauerhaften Paarbindungen und können über 30 Jahre alt werden, in Gefangenschaft auch deutlich länger.

Saubermacher der Berge
Bartgeier sind hochspezialisierte Aasfresser. Rund drei Viertel ihrer Nahrung besteht aus Knochen, die sie dank einer extrem starken Magensäure verdauen können. Um grössere Stücke nutzen zu können, lassen sie diese aus der Luft auf Felsen fallen, bis sie zerbrechen. Indem sie Kadaverreste verwerten, die von anderen Aasfressern gemieden werden, übernehmen sie eine wichtige Rolle im Naturhaushalt der Alpen und tragen dazu bei, Krankheiten vorzubeugen.

Der Mythos vom «Lämmergeier»
Noch immer hält sich die Vorstellung, Bartgeier würden Lämmer, Gämskitze oder gar Kinder davontragen. Diese Annahme ist falsch. Ihre Krallen sind im Vergleich zu anderen Greifvögeln wenig kräftig und nicht zum Ergreifen lebender Beute geeignet. Fachleute betonen zudem, dass Bartgeier in der Regel nicht mehr als drei Kilogramm tragen können – ein deutliches Argument gegen die Vorstellung, sie könnten ein Lamm davontragen.
Viele Darstellungen aus dem 19. Jahrhundert zeigen übertriebene Szenen, etwa Stiche, in denen übergrosse Bartgeier Kinder attackieren. Auch ein oft zitiertes Ereignis von 1870 im Berner Oberland, bei dem ein Jugendlicher schwer verletzt worden sein soll, gilt aus heutiger Sicht als unsichere Zuschreibung. Historiker gehen davon aus, dass der schlechte Ruf des Bartgeiers aus solchen Übertreibungen und aus Angstvorstellungen jener Zeit entstand.

Tatsächlich sind Bartgeier hochspezialisierte Aasfresser und jagen nicht aktiv. Der alte Name «Lämmergeier» stammt aus dem Mittelalter, als man die Tiere wegen ihrer Grösse und ihres auffälligen Aussehens verteufelte.
Herausforderungen bleiben
Trotz der Rekordzahlen gibt es Risiken. Die genetische Vielfalt ist noch immer gering, da die heutige Population aus wenigen ausgewilderten Vögeln aufgebaut wurde. Fachleute beobachten einzelne Gefiederschäden, die möglicherweise mit Inzucht zusammenhängen. Hinzu kommen Gefahren durch Kollisionen mit Leitungen und Störungen an Brutplätzen. Ein weiteres Risiko bleibt Blei in Jagdmunition, das über Knochenreste in den Nahrungskreislauf der Bartgeier gelangen kann. Auch Freizeitaktivitäten wie Klettern oder Paragliding in Horstnähe können sensible Brutpaare vertreiben und zum Verlust des Nachwuchses führen.
Jungvögel sind zudem verletzlich und können in seltenen Fällen durch andere Greifvögel oder Räuber gefährdet sein. Für ausgewachsene Bartgeier sind natürliche Feinde kaum bekannt, ihre grösste Bedrohung bleibt der Mensch.

Die Stiftung Pro Bartgeier plant deshalb weitere Auswilderungen ab 2026, um die genetische Basis der Population zu verbreitern. Und der Kanton Obwalden hat Anfang Dezember beschlossen, sein Bartgeier-Projekt auf der Melchsee-Frutt um fünf Jahre zu verlängern; seit 2015 wurden dort 18 Jungvögel ausgewildert.
Eine aktuelle Studie zeigt, dass sich der Bartgeier-Bestand in den kommenden zehn Jahren verdoppeln könnte, wenn die Bedingungen günstig bleiben. Bereits kleine zusätzliche Verluste könnten diesen Trend jedoch wieder umkehren.
Ein Gewinn für die Ostschweiz
Dass 2025 erstmals ein Bartgeier in St.Gallen erfolgreich grossgezogen wurde, ist ein starkes Signal. Die Ostschweiz wird Teil der Erfolgsgeschichte und mit etwas Glück lassen sich die majestätischen Vögel künftig auch hier am Himmel beobachten. Wer zum Schutz beitragen will, kann Sichtungen an die Stiftung Pro Bartgeier melden oder an Beobachtungstagen teilnehmen. Jede Meldung hilft, das Wissen über die Verbreitung dieser einzigartigen Alpenbewohner zu erweitern.

