Die Gemeinde Poschiavo im Süden von Graubünden nutzt seine periphere Lage, um Eigenständigkeit, Baukultur und Nachhaltigkeit in einem wegweisenden Modell zu vereinen. Der Schweizer Heimatschutz zeichnet die Gemeinde dafür mit dem Wakkerpreis 2025 aus – ein verdienter Meilenstein, der Tradition, Fortschritt und Gemeinschaftssinn ehrt.

Eingebettet in die Alpen und geprägt von einem Hauch Italianità, erzählt Poschiavo eine Geschichte, die gleichzeitig historisch und visionär ist. Einst ein florierender Handelsort zwischen Graubünden und Italien, brachte die Gemeinde nach wirtschaftlichem Niedergang Ende des 18. Jahrhunderts neues Leben zurück. Viele Bürger, die einst auswanden, um als Zuckerbäcker in Europa ihr Glück zu suchen, kehrten mit Wohlstand und neuen Ideen zurück.

Die eleganten Patrizierhäuser, die «Palazzi», prägen bis heute das Ortsbild und stehen zusammen mit der historisch gewachsenen Struktur Poschiavos auf der Liste des Bundesinventars der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS). Diese Anerkennung unterstreicht die nationale Bedeutung der Baukultur, die Poschiavo bewahrt und stetig weiterentwickelt.

Der historische Palazzo Devono House in Poschiavo
Der Palazzo «Devon House» in Poschiavo (Bild: Peter Egli)

Ein Vorbild im Umgang mit Baukultur

Poschiavo hat verstanden, dass Baukultur nicht nur erhalten, sondern auch innovativ genutzt werden kann. Die Gemeinde führte sorgfältige Inventarisierungen durch, um die historische Bausubstanz zu dokumentieren und zu schützen. Gleichzeitig sorgen Baureglemente dafür, dass neue Bauprojekte sich harmonisch in das bestehende Ortsbild einfügen. Auch ausserhalb des Dorfzentrums lebt die Verbindung von Tradition und Moderne: Die Maiensässe, früher essenziell für die alpine Landwirtschaft, werden weiterhin gepflegt und genutzt, wodurch Poschiavo auch in der Kulturlandschaft ein Gleichgewicht zwischen Bewahrung und Fortschritt schafft.

Ein Maiensäss in Poschiavo
Ein gepflegtes Maiensäss in Poschiavo (Bild: Peter Egli)

Starke Gemeinschaft durch Eigenständigkeit

Poschiavo beweist, dass Eigenständigkeit der Schlüssel zu einer lebenswerten Zukunft in Bergregionen sein kann. Die Gemeinde bietet eine umfassende Infrastruktur: ein eigenes Spital, Fernwärmeanlagen, Schulen, eine Bibliothek und ein vielfältiges Kulturangebot. Konzerte, Kunstausstellungen, Tanzveranstaltungen und Filmvorführungen bereichern das Leben im Tal und schaffen einen Ort, an dem Gemeinschaftssinn und Lebensqualität Hand in Hand gehen.

Diese Eigenständigkeit wirkt der Abwanderung entgegen, die viele Bergregionen betrifft. Poschiavo zeigt, dass kluge Planung und gesellschaftlicher Zusammenhalt eine starke Basis für eine nachhaltige Entwicklung bilden.

Nachhaltigkeit im Valposchiavo

Die spektakuläre Landschaft des Valposchiavo – von den Gletschern des Berninagebiets über die Cavaglia-Schlucht bis zu idyllischen Bergseen – ist ein beeindruckendes Erbe, das die Gemeinde nicht nur bewahrt, sondern aktiv gestaltet. Mit grossem Engagement werden traditionelle Terrassenlandschaften wiederhergestellt, um Gemüse und Kräuter anzubauen. Heute sind über 90 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen im Tal biozertifiziert – ein schweizweites Vorzeigemodell.

Terrassenlandschaft im Valposchiavo
Terrassenlandschaft im Valposchiavo (Bild: Peter Egli)

Das Projekt «Smart Valley Bio» steht exemplarisch für den innovativen Umgang mit Ressourcen. Hier bleibt die gesamte Wertschöpfungskette im Tal: Vom Anbau über die Verarbeitung bis hin zur Vermarktung wird alles lokal umgesetzt. Dieses Konzept stärkt nicht nur die regionale Wirtschaft, sondern auch das Bewusstsein für Nachhaltigkeit.

Die Altstadt von Poschiavo
Die Altstadt von Poschiavo

Poschiavo: Ein Wanderparadies für Geniesser

Das Valposchiavo ist nicht nur ein kulturelles Juwel, sondern auch ein wahres Paradies für Wanderer. Die Region bietet eine Vielzahl an gut markierten Wegen, die von entspannten Spaziergängen durch die malerische Talebene bis hin zu anspruchsvollen Bergtouren in hochalpinem Gelände reichen.

Wir waren 2023 auf der historischen Via Valtellina von Klosters nach Poschiavo unterwegs, die das Herzstück einer faszinierenden Weinerlebnisroute bildet. Eine Route, die nicht nur mit atemberaubenden Aussichten, sondern auch mit kulturellen Einblicken in die Geschichte des Handelswegs begeistert.

Blick vom Sassal Mason, an der Grenze zwischen dem Engadin und Poschiavo, auf den Palü-See und den Palü-Gletscher
Atemberaubend: Der Blick auf den Palüsee und den Palü-Gletscher

Wenn du Inspiration für dein nächstes Wanderabenteuer suchst, findest du hier einen ausführlichen Bericht über diese Strecke – mit Tipps, die nicht nur die Schönheit der Landschaft, sondern auch die besten Einkehrmöglichkeiten entlang der Route hervorheben.

Apropos Einkehrmöglichkeiten: In Poschiavo solltest du unbedingt Pizzoccheri probieren – das Traditionsgericht aus Poschiavo schlechthin. Was Pizzoccheri genau sind und wie man sie selber zubereitet, erfährst du hier.

Eine Auszeichnung für gelebte Innovation

Mit dem Wakkerpreis 2025 würdigt der Schweizer Heimatschutz Poschiavos beispielhaften Umgang mit Baukultur, Eigenständigkeit und Nachhaltigkeit. Gemeindepräsident Giovanni Jochum fasst es treffend zusammen: «Die Auszeichnung ist die Folge einer 360-Grad-Analyse dessen, was in der Gemeinde im Laufe der letzten Jahre entstanden ist: eine hochwertige Entwicklung.»

Die öffentliche Preisverleihung findet am 23. August 2025 in Poschiavo statt. Die Feier bietet die perfekte Gelegenheit, die Erfolgsgeschichte dieser aussergewöhnlichen Gemeinde hautnah zu erleben und von ihrem Modell für die Zukunft der Bergregionen zu lernen.


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