Mit zwei Hammelkeulen auf den Montblanc

Packlisten für Wanderungen oder Bergtouren findet man heute überall: im Internet, in Büchern oder als App für’s Handy. Ebenso Tipps für den richtigen Proviant. Aber auch früher gab es bereits Ratgeber für die „richtige“ Ausrüstung in den Bergen. Aus heutiger Sicht sind diese Listen ziemlich unterhaltsam. Vor allem, was den Proviant einiger Gipfelstürmer betrifft.

Was genau alles in einen Rucksack gehört, hängt natürlich von der Art der Tour ab. Doch in jedem Fall soll das Gepäck so leicht und praktisch wie möglich sein.

Heutzutage ist das kein Problem: meine Uhr zeigt mir neben der Zeit auch meine ungefähre Höhe, die Temperatur, den Luftdruck und die Himmelsrichtung an. Fünf Geräte in einem. Mit dabei habe ich jeweils auch ein Schweizer Militärtaschenmesser – also ebenfalls mehrere Geräte in einem. Mein Proviant besteht auf normalen Touren aus genügend Wasser oder Tee, Dörrfrüchten, Bündnerfleisch, etwas Käse und einer Banane. Und last but not least packe ich jeweils auch eine kleine Notapotheke, eine Sonnenbrille, eine Karte, eine Regen- und Windstopper-Jacke, Ersatzwäsche und, je nach Höhe der Tour, warme Kleider, Handschuhe und eine Kappe ein.

Das passt alles locker in einen modernen 28-Liter-Rucksack. Schöne neue Welt. Alles ist handlich, leicht und qualitativ hochstehend. Praktisch und platzsparend.

Früher muss das wohl alles wesentlich anstrengender gewesen sein. Nur schon die Kleider, die auf Bergtouren getragen wurden, müssen eine Qual gewesen sein. Auf eine möglichst gute Ausrüstung wurde aber auch damals schon grossen Wert gelegt – auch wenn einige der Ausrüstungsgegenstände heute wohl in keinem Rucksack mehr zu finden sind.

1879 empfahl der Deutsche und Österreichische Alpenverein seinen Mitgliedern, folgende Gegenstände mindestens in einen Rucksack zu packen:

Feuerzeug, Feldstecher, Thermometer, Kompass, Steigeisen, Gletscherbrillen, Gletschersalbe, Reisehandbuch, Karte, Notizbuch, Bleistift, Papier für Pflanzen und Mineralien, Pergamentpapier oder Wachsleinwand, Hausschuhe, wollene Kappe, Taschentuch, Zigarren, Seifenpulver, Kamm, Zahnbürste, Nähnadeln und Faden, Reserveknöpfe, Reservenägel (für die Schuhe), Leinwand, englisches Pflaster, Opiumtropfen, ein Stück Wachslicht, Laterne, Insektenpulver, Rum und Proviant, Wettermantel, Geld, Uhr, Messer

Die Opiumtropfen waren übrigens gegen Durchfall. Für die „Entspannung“ hatte man ja Zigarren und Rum dabei. Sehr ausgefallen, oder besser gesagt ziemlich üppig, war der Proviant bei Henriette d’Angeville, später auch bekannt unter dem Namen „Montblanc-Braut“. Sie benötigte 13 Träger, als sie 1838 als zweite Frau in der Geschichte des Alpinismus den Montblanc bestieg. Und das mussten die armen Kerle auf den Gipfel buckeln:

24 Hühner, 2 Hammelkeulen, 2 Ochsenzungen, 6 Laib Brot zu je 3 bis 4 Pfund, 1 Fass Wein, 18 Flaschen Bordeaux-Wein, 1 Flasche Cognac, 1 Flasche süssen Sirup, 12 Zitronen, 3 Pfund Zucker, 3 Pfund Schokolade, 3 Pfund gedörrte Pflaumen, 13 Portionen Pudding, 13 Flaschen Limonade, 13 Flaschen Orangeade, 13 Portionen Hühnerbouillon

Was die erste Frau auf dem Montblanc an Proviant oder Material mitgenommen hat, ist nicht bekannt. Dafür ist bekannt, dass ihr Aufstieg sehr anstrengend war. Marie Paradis bestieg 1808 den 4810 m hohen Gipfel mit dem Erstbesteiger des Berges und zwei Bergführern. Da Paradis zu diesem Zeitpunkt aber keinerlei Bergerfahrung hatte, musste sie von ihren Begleitern oft getragen werden und kam laut Überlieferung halbtot auf dem Gipfel an. Paradis wurde nach ihrer Rückkehr eine lokale Berühmtheit und bekam den Namen „Marie Montblanc“. Über ihre Tour auf den Montblanc soll sie lediglich gesagt haben: „Nie wieder!“

Quelle: „Über alle Berge“ von Sebastian Herrmann

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