Ich mag warme Sommer. Ich mag es, morgens ohne Jacke aus dem Haus zu gehen, in kurzen Hosen durch die Berge zu wandern und nach einer Tour noch lange draussen zu sitzen. Ich mag tiefblauen Himmel, warme Felsen und Bergseen, in denen man nicht nur drei Sekunden aushält. Eigentlich hätte der Sommer 2026 also ganz nach meinem Geschmack sein müssen. Doch zwischen all den schönen Tagen blieb zunehmend ein schaler Beigeschmack.
Während ich das Wetter genoss, erzählten die Nachrichten eine andere Geschichte. Von Hitze und Trockenheit, schmelzenden Gletschern, auftauendem Permafrost und Felsstürzen. Gerade in den Bergen werden die Folgen steigender Temperaturen immer deutlicher sichtbar. Und so ertappte ich mich gelegentlich bei einer Frage, die ich mir früher wohl kaum gestellt hätte: Darf man sich angesichts dieser Entwicklung überhaupt noch über einen warmen Sommer freuen?
Nach der Flugscham die Sommerscham?
Vor einigen Jahren kam der Begriff «Flugscham» auf. Wer für ein Wochenende nach Barcelona flog oder für die Ferien nach Thailand, musste sich plötzlich die Frage gefallen lassen, ob das angesichts des Klimawandels noch vertretbar sei. Zeitweise schien fast jeder Ferienflug eine moralische Grundsatzdiskussion auszulösen.
Brauchen wir nun auch eine Sommerscham?
Natürlich hinkt der Vergleich. Ob ich in ein Flugzeug steige, entscheide ich selbst. Ob es draussen 32 Grad warm wird, nicht. Niemand verursacht eine Hitzewelle dadurch, dass er sich über sie freut. Und doch war da diesen Sommer gelegentlich dieses merkwürdige Gefühl: Wenn die Wetter-App zehn Tage Sonne und Temperaturen weit über 25 Grad ankündigte, dachte ich zunächst: wunderbar. Doch gleich darauf: Schon wieder viel zu warm.
Dieses Unbehagen kommt nicht von ungefähr. Die Schweizer Sommer sind heute im Mittel rund 3,4 Grad wärmer als in der vorindustriellen Zeit. Hitzetage mit mindestens 30 Grad treten wesentlich häufiger auf als noch im vergangenen Jahrhundert. Was wir früher als aussergewöhnlich empfanden, gehört zunehmend zur klimatischen Realität. Die Freude über eine stabile Schönwetterperiode bekommt damit eine neue Dimension.
Der perfekte Bergsommer hat eine Kehrseite
Für Berggänger haben warme und trockene Sommer zunächst einmal viele angenehme Seiten. Wege werden früher schneefrei, Wanderungen lassen sich über lange Zeiträume planen, und selbst in höheren Lagen kann man bis weit in den Herbst hinein unterwegs sein. Regenjacke und warmer Pullover bleiben öfter im Rucksack. Eigentlich perfekte Bedingungen, wäre da nicht die andere Seite der Medaille.
Wie hoch der Preis eines solchen Sommers sein kann, zeigt die aktuelle Bilanz des Schweizerischen Gletschermessnetzes GLAMOS: Allein 2026 haben die Schweizer Gletscher rund 5,5 Prozent ihres Volumens verloren, innerhalb von nur fünf Jahren fast 20 Prozent. Auf einzelnen Gletscherzungen schmolzen bis zu zehn Meter Eis weg. Die Nullgradgrenze lag zwischen Mai und September an rekordhohen 76 Tagen über 4000 Metern, mehr als doppelt so oft wie im langjährigen Mittel.

Das sind Zahlen, die selbst dann schwer zu begreifen sind, wenn man den Gletscherschwund seit Jahren mit eigenen Augen verfolgt. Wer über Jahrzehnte immer wieder dieselben Bergregionen besucht, sieht die Veränderungen auch ohne Temperaturkurven. Ein Gletscher endet plötzlich weit oberhalb der Stelle, an der man ihn in Erinnerung hatte. Wo früher im Hochsommer Schnee lag, liegt Geröll. Hüttenwege müssen verlegt werden. Auch der Permafrost erwärmt sich, was zusammen mit Wasser und geologischen Schwächezonen die Stabilität von Felsflanken beeinträchtigen kann.
Muss ich deshalb ein schlechtes Gewissen haben?
Trotz allem: Ich sehe keinen vernünftigen Grund dafür. Niemandem ist geholfen, wenn ich an einem warmen Sommertag auf einem Gipfel sitze und mich demonstrativ nicht über die Sonne freue. Das Klima wird dadurch keinen Zehntelgrad kühler und kein Gletscher gewinnt einen Kubikmeter Eis zurück.
Vielleicht führt die Frage nach der «Sommerscham» deshalb sogar in die falsche Richtung. Sie macht aus einem globalen Problem eine Frage des persönlichen Empfindens. Entscheidend ist doch nicht, ob ich schönes Wetter geniessen darf, sondern wie ich die Entwicklung dahinter einordne. Wer einen ungewöhnlich warmen Sommer als Beweis dafür betrachtet, dass ein wärmeres Klima eigentlich ganz angenehm sei, blendet dessen Folgen aus.
Wetter ist schliesslich nicht Klima. Ein verregneter Juli widerlegt die globale Erwärmung genauso wenig, wie ein einzelner Hitzetag sie beweist. Entscheidend ist die langfristige Entwicklung. Und die lässt sich inzwischen nicht nur messen, sondern gerade im Alpenraum auch mit blossem Auge erkennen.
Ein schöner Sommer muss kein Hitzesommer sein
Rückblickend habe ich den Sommer 2026 durchaus genossen. Ich war viel draussen, habe schöne Wanderungen unternommen und mich über zahlreiche sonnige Tage und laue Abende auf der Terrasse gefreut. Gleichzeitig habe ich festgestellt, dass sich meine Vorstellung von einem perfekten Sommer verändert hat.
Früher bedeuteten drei Wochen Sonne am Stück vor allem eines: bestes Wetter. Heute frage ich mich nach einer solchen Phase irgendwann, wann es endlich wieder regnet. Nicht weil ich Regen plötzlich besonders toll fände, sondern weil ich weiss, dass Flora und Fauna ihn brauchen. Und weil ich inzwischen auch einen kühlen, wechselhaften Sommertag zu schätzen weiss, an dem man in den Bergen unterwegs sein kann, ohne ständig nach dem nächsten Schattenplatz Ausschau halten zu müssen.
Und wenn ich mir für den nächsten Sommer etwas wünschen darf, dann sind es viele schöne, warme Tage. Aber zwischendurch bitte auch wieder mehr Regen.

