Die Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU hat 2025 neue Zahlen zum Wandern veröffentlicht. Sie zeigen: Viele unterschätzen die Gefahr steilen Geländes, obwohl fast alle tödlichen Unfälle auf Abstürze zurückgehen. Parallel wurde eine Methode entwickelt, die Wanderwege Abschnitt für Abschnitt nach Technik und Gefährlichkeit bewertet.

Im Sommer 2024 befragte die BFU 1387 Personen auf Schweizer Bergwanderwegen. Mehr als die Hälfte nannte schlechte Ausrüstung als Hauptursache schwerer Unfälle, 38 Prozent fehlendes Können und 36 Prozent mangelnde Fitness. Nur 11 Prozent verwiesen auf steiles, exponiertes Gelände. Die Statistik zeigt jedoch ein anderes Bild: Von den rund 55 Todesfällen pro Jahr beim Wandern gehen über 90 Prozent auf Abstürze zurück.

Frau in Jogginghose, Turnschuhen und Wanderstücken in den Bergen
Schlechte Ausrüstung ist nicht der Hauptgrund für Bergunfälle

Ausrüstung, Wetter oder fehlende Kondition können einen Fehltritt auslösen. Entscheidend ist aber, ob die Passage steil, ausgesetzt und ungesichert ist. Wer stolpert, verunglückt tödlich nicht wegen des Stolperns selbst, sondern weil das Gelände keinen Fehler verzeiht.

Von der Erhebung zur neuen Methodik

Um diese Lücke zwischen Wahrnehmung und Realität zu schliessen, hat die BFU eine neue Bewertungsmethodik entwickelt. Sie geht über die klassischen Markierungen Gelb, Weiss-Rot-Weiss und Weiss-Blau-Weiss hinaus. Statt einen ganzen Weg pauschal einzuordnen, werden einzelne Abschnitte analysiert. Ziel ist es, objektiv zu zeigen, wie anspruchsvoll und wie gefährlich eine Stelle wirklich ist. Die Methodik arbeitet mit zwei Dimensionen:

Technische Schwierigkeit: Erfasst wird, wie anspruchsvoll das Gehen an einer Stelle ist. Dazu zählen die Höhe der Tritte, die Breite des Weges, seine Rutschigkeit, die Längs- und Querneigung sowie die Stabilität des Untergrunds.

BFU-Beispiele zur Illustration der technischen Schwierigkeit:

Beispiel eines technisch einfachen Wanderwegs
Technik: einfach
Beispiel eines technisch schweren Wanderwegs
Technik: schwer

Gefährlichkeit: Bewertet werden die Folgen eines möglichen Fehltritts. Dazu gehören die Hangneigung und -länge, die Höhe eines möglichen Absturzes, die Beschaffenheit des Geländes unterhalb des Weges und das Vorhandensein von Sicherungen wie Geländer oder Ketten.

BFU-Beispiele zur Illustration der Gefährlichkeit:

Beispiel eines Wanderwegs mit keiner Gefahr
Gefährlichkeit: tief
Beispiel eines Wanderwegs mit hoher Gefahr
Gefährlichkeit: hoch

Alle Kriterien werden auf einer Skala von eins (harmlos) bis fünf (extrem anspruchsvoll oder gefährlich) eingestuft. Beispiele machen das greifbar: Eine Trittstufe von über 50 Zentimetern erhöht die technische Schwierigkeit. Ein Weg von weniger als 50 Zentimetern Breite an einem steilen Hang gilt als gefährlich, insbesondere wenn keine Sicherungen vorhanden sind. Rutschige Wurzeln oder lockeres Geröll verschärfen die Situation zusätzlich.

Feldstudie mit 1905 Beurteilungen

Die Methode wurde im Sommer 2022 in einer Feldstudie getestet. Zwölf Teams erfassten auf 30 Wanderungen rund 510 Wegstellen. Jede Stelle wurde mit GPS-Daten lokalisiert, fotografiert und anhand des Kriterienkatalogs bewertet. Insgesamt entstanden 1905 Beurteilungen. Die Ergebnisse verdeutlichen die Spannbreite der Risiken:

  • Technische Schwierigkeit: 42 % mittlere, 33 % hohe, 7 % sehr hohe Werte
  • Gefährlichkeit: 36 % mittlere, 32 % hohe, 2 % extrem hohe Werte
  • Besondere Situationen: 8 % Tiefblick, 2 % Leitern, 1 % Hängebrücken
  • Kombination mehrerer Faktoren: besonders kritisch waren Abschnitte, die schmal, rutschig und gleichzeitig stark geneigt und ungesichert waren

Die BFU prüfte auch die Verlässlichkeit der Methode. Ergebnis: Die Skalen lieferten insgesamt konsistente und brauchbare Bewertungen.

Bedeutung für die Praxis

Die neue Methodik zeigt, dass die bestehenden Wegmarkierungen für eine seriöse Tourenplanung zu grob sind. Ein rot-weiss markierter Bergwanderweg kann ein bequemer Pfad im Wald oder eine ausgesetzte Passage im Fels sein. Für Wanderer ist es entscheidend zu wissen, welche Anforderungen sie wirklich erwartet.

Eine Frau mit guten Wanderschuhen und Stöcken auf einem Wandwerweg in den Bergen
Bergwanderer sollten wissen, was sie unterwegs erwartet

Die BFU fordert deshalb, dass kritische Abschnitte künftig differenzierter ausgewiesen werden. In Karten, Apps oder durch Symbole vor Ort könnten Wanderer klar erkennen, ob eine Route heikle Passagen enthält. Wer seine Trittsicherheit oder Kondition überschätzt, könnte so früher die richtige Entscheidung treffen und ein zu grosses Risiko vermeiden.

Fazit

Die BFU-Erhebung 2025 macht klar: Steiles Gelände ist das am meisten unterschätzte Risiko beim Bergwandern. Mit der neuen Bewertungsmethodik steht erstmals ein Werkzeug bereit, das objektive Kriterien liefert und Risiken sichtbar macht. Jetzt gilt es, diese Erkenntnisse in die Praxis zu bringen. Bis dahin bleibt die wichtigste Regel einfach: Wer den Berg ernst nimmt, erhöht die Chance, sicher wieder im Tal anzukommen.

Selbsteinschätzung & Schuhwerk
Die BFU-Befragung zeigt auch, wie optimistisch sich viele selbst einschätzen: 83 Prozent bewerten ihre Trittsicherheit als gut oder sehr gut, 75 Prozent ihre Fitness. Im Vergleich zu den früheren Erhebungen 2018 und 2019 hat sich daran kaum etwas verändert. Auch bei der Ausrüstung ergibt sich ein differenziertes Bild. Zwar tragen 83 Prozent Wander-, Trekking- oder Bergschuhe, doch unter den weniger erfahrenen Wanderern (unter fünf Jahren Bergerfahrung) sind es nur rund zwei Drittel. Bei den über 65-Jährigen hingegen setzen fast alle auf passendes Schuhwerk.


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