Wandergeschichten

Von einem flexiblen Padrone und kulinarischen Überraschungen in Norditalien

Vor ein paar Jahren sind meine Partnerin Celina und ich auf der Via Spluga von Thusis nach Chiavenna gewandert. Kondition, Stimmung und Wetter waren perfekt. Am dritten Tag wanderten wir von Splügen über den Splügenpass nach Monte Spluga, die eindrückliche Cardinelloschlucht hinunter nach Isola. In diesem kleinen Dorf in der Lombardei mit etwa 560 Einwohnern, gibt es einen kleinen Krämerladen, der allerdings nur selten offen hat, und zwei kleine Gasthäuser. In einem dieser Gasthäuser hatten wir vor unserer Abreise telefonisch ein Doppelzimmer gebucht. Die Kommunikation mit der Dame am Telefon war zwar nicht ganz einfach, sie sprach nämlich nur Italienisch und das noch mit einem ziemlich eigentümlichen Dialekt, doch wir waren uns ziemlich sicher, dass bei unserer Ankunft ein Zimmer für uns zur Verfügung stehen würde.

Und da standen wir dann also, vor der Locanda/Trattoria Cardinello in Isola. Der Empfang war herzlich aber leider unverständlich – bis zum Eintreffen des Chefs. Der war auch freundlich, verstand und sprach aber zusätzlich auch noch etwas Deutsch. Und in seinem Deutsch erklärte er uns dann, dass er sich zwar an unsere Buchung erinnern könne, er aber trotzdem kein freies Zimmer in seinem Gasthaus mehr hätte. Der Schreck hielt glücklicherweise nicht lange an. Denn mit einem neckischen Grinsen im Gesicht erklärte er uns, dass er uns dafür eine kleine Ferienwohnung zur Verfügung stellen würde. Die 2-Zimmer-Wohnung war frisch renoviert, sehr sauber und äusserst heimelig. Sogar eine kleine Küche gab es und eine Dusche mit Massagebrause.

Nachdem wir geduscht und uns eingerichtet hatten, spazierten wir gemütlich zur Locanda zurück um etwas zu essen. Das war so gegen 17 Uhr. Im Lokal sagte man uns dann aber, dass es erst um 19 Uhr Abendessen geben würde – und zwar für alle Gäste das gleiche Essen. Super, dachten wir uns. Was da wohl auf uns zukommen würde? Und wie überbrückt man in einem abgelegenen Dorf hungrig zwei Stunden Wartezeit? Wir entschieden uns für Wein und Bier.

Um 19 Uhr wurden wir dann, zusammen mit einer 15-köpfigen Wandergruppe, in den altehrwürdigen Weinkeller der Locanda gebeten. Dort gabs als Apéro spritzigen Weisswein aus der Region und selbstgemachte Apfelküchlein in rauhen Mengen. Da wir unterdessen schon ziemlich Hunger hatten, schlugen wir entsprechend zu. Ein Fehler, wie sich später herausstellen sollte. Denn danach wurde in einer antiken Gaststube typisch italienisch aufgetischt: erst Hirschpfeffer mit Polenta, dann verschiedene Salate, danach Pasta gefolgt von gegrilltem Lamm-, Rind- und Kalbfleisch mit Gemüse und Kartoffelsstock. Und zum Schluss haufenweise Dolci! Ach ja, Wein gabs natürlich auch nicht zu knapp. Auf den selbstgebrannten Schnaps verzichteten wird dann aber dankend und machten uns reichlich überfressen und gut angeheitert gegen 23 Uhr auf den Weg zu unserer Ferienwohnung.

Am nächsten Morgen waren wir die Letzten, die zum Frühstück kamen. Viel war nicht mehr übrig vom Frühstücksbuffet und die Tische waren alle bereits abgeräumt. Teile der 15-köpfigen Wandergruppe vom Vorabend warfen uns deshalb mitleidige Blicke zu, die kurz danach aber zu neidischen Blicken wurden. Vom Wirt persönlich wurde uns nämlich frischer Kaffee, frische Brötchen, Konfitüre, Schinken und Käse an einen frisch gedeckten Tisch gebracht – und danach noch je zwei Sandwiches, Obst und Mineralwasser für die letzte Wanderetappe nach Chiavenna. – Wäre Isola nicht so abgelegen, wir wären öfter in der Locanda Cardinello zu Besuch.

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